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Meine erste Predigt

Vom Friedensreich Jesu Christi

Predigt zum 4. Advent 1950 in Sulzburg
von cand. theol. Klaus Deßecker

Römer 15,5-13

Schriftlesung: Hesekiel 11,17-20

Liebe Freunde!


Draußen auf dem Marktplatz wird heute Abend der Christbaum brennen, und drinnen in euren Stuben werdet ihr Weihnachten feiern, Weihnachten das Fest des Friedens, der Freude, des Schenkens und des Dankens. Wir haben alle in den letzten Wochen recht gespart, um unsern Lieben eine kleine Überraschung bringen zu können, und wir sind stolz, wenn es ein schönes Geschenk ist und vielleicht ein wenig traurig, wenn unsere bescheidenen Mittel nur zu einer bescheidenen Gabe ausreichten.

I.
Wer in den letzten Wochen in die Zeitung gesehen hat, der wird gelesen haben, dass gegen-wärtig noch andere Leute sparen. Man will da keine Geschenke machen, o nein; man will sparen, um Panzer, Kanonen und Flugzeuge bauen zu können. In der Weihnachtsausgabe der Badischen Zeitung haben wir's wieder bestätigt bekommen: 84 Millionen Mark gibt Amerika für Rüstungen aus, und was Rußland für seine Wehrmacht aufwendet, wird diesem Betrag nicht nachstehen. Für 84 Millionen könnte man beinahe 6 Millionen Siedlungshäuser bauen! Während wir in aller Bescheidenheit Weihnachten feiern wollen, bereitet die Welt den Krieg vor. Wir alten Soldaten, Flüchtlingen, Ausgebombten und Kriegshinterbliebenen wissen, was es heißt: die Welt bereitet den Krieg vor. Das bedeutet: Hunger, Elend, Angst und Tod in der schrecklichsten Form.

Warum macht die Welt etwas so Furchtbares? Warum beschwört sie immer wieder das Grau-en des Krieges? Es wäre eine vorschnelle und unkluge Antwort, wenn wir sagen wollten: weil die Welt böse ist: Die Amerikaner rüsten nicht aus Bosheit auf, aber die Russen auch nicht: Beide glauben, einen guten Grund dafür zu haben. Das gibt ihnen ja erst den Schwung und die Begeisterung, die Einschränkungen, die mit jeder Aufrüstung verbunden sind, zu ertragen. Beide wollen mit Waffengewalt das Recht und die Gerechtigkeit verteidigen, und das ist doch gewiß eine gute und löbliche Sache.

Es gibt aber noch einen andern Grund, weshalb wir auf die Amerikaner und Russen nicht all-zuschnell und allzuviel Steine werfen sollen. Die Russen und die Amerikaner sind ja nicht die einzigen, die Krieg vorbereiten. Ach hier in Sulzburg werden sehr viele Kriege vorbereitet und durchgeführt. Sie sind alle gerecht, denn jede Partei der hiesigen Auseinandersetzungen glaubt, das Recht und die Gerechtigkeit zu verteidigen. Bei uns braucht man keine Panzer und Flugzeuge, bei uns kann man schon mit kleinen Mitteln den Gegner bekämpfen. Wir kennen diese Mittel alle, weil wir alle sie gebrauchen.

Diese Kriege, die vorbereiteten und die ausgeführten, die Kriege in der Völkergemeinschaft und in der Hausgemeinschaft, sind ein Anzeichen dafür, dass mit uns Menschen irgend etwas nicht stimmt. Wir müßten doch nicht das Recht erkämpfen, wenn es schon da wäre! Erst wenn alles gerecht wäre, dann hätten wir ein gutes Gewissen dabei, uns beruhigt zu Hause und hier hinsetzen und sagen: bei uns ist alles in Ordnung, wir wollen jetzt ein fröhliches Weihnachten feiern.

Liebe Freunde! Bei uns ist nicht alles in Ordnung. Wer's nicht glaubt, der gehe nach der Kir-che durch unser Städtchen und schaue sich einige Quartiere an, in denen bei uns Sulzburgern Menschen wohnen und Weihnachten feiern müssen. Es sind Elendsquartiere! Wir wissen, dass eine große Wohnungsnot ist, aber statt ans Werk zu gehen, zusammen zu helfen und neue Wohnungen zu bauen, setzen wir uns hinter den Ofen, sagen, bei uns ist alles in Ord-nung, und pferchen fröhlich und unbekümmert alles noch enger zusammen, was schon eng genug beieinander wohnt. Dann wundern wir uns, wenn es Streit und Unfrieden gibt. Ich glaube, der Streit zwischen den Amerikanern und Russen hat ganz ähnliche Ursachen.

Wir sollen aber nicht denken, dass es niemanden etwas angeht, ob bei uns Ordnung oder Un-ordnung herrscht. Recht und Gerechtigkeit, die wir immer suchen und nie finden, weil wir das Recht durch unrechten Streit und die Gerechtigkeit durch ungerechten Krieg erwerben wolle, - Recht und Gerechtigkeit sind Gottes Wille, sind Gottes Gebot und Gesetz an uns Menschen. Und weil wir dies Gebot und dies Gesetz nicht erfüllen, deshalb herrschen Zwietracht und Unfrieden unter uns. Alle Kriege und alles Kriegsgeschrei sind die Frucht unseres bösen Her-zens.

II.

Es wäre schlimm um uns bestellt, wenn unser Gott, dessen Wille Recht und Gerechtigkeit ist, nicht ein Erbarmen mit uns Menschen hätte. Gott bereitet sich mitten in der Welt des Krieges eine Gemeinde des Friedens, und dadurch richtet er das Recht und die Gerechtigkeit auf, de-nen wir vergeblich nachjagen. Gottes Wart, seine Gerechtigkeit und seinen Frieden zu erwei-sen und zu zeigen, ist so ganz anders als unsere Art. Unsere Art ist es, das Recht zu erkämp-fen in Gewalt und Krieg, den Frieden zu verteidigen mit Panzern und Kanonen, mit bösen Worten und harten Herzen, mit Schelten und mit Strafen. Weil dies unsere Art ist, deshalb meinen wir, Gott müsse genau so handeln, wenn er Frieden und Gerechtigkeit den Menschen bringt, und weil er das nicht tut, weil er kein Feuer, keinen Schwefel, keine Krankheit auf die Unruhestifter der Welt - und das sind wir ja alle - herabregnen läßt, deshalb sagen wir: Gott schweigt.

Dabei merken wir gar nicht, dass Gott schon längst begonnen hat, die Gemeinde des Friedens mitten in der Welt des Krieges zu sammeln. Mitten in dieser Welt hat Gott schon die Fahne des Friedens und der Gerechtigkeit gehißt. Mitten in dieser Welt hat er selbst die Tat getan, die uns fehlt: die Tat der Liebe. Mitten in dieser Welt ruft Gott Tag für Tag durch sein Wort, durch seine Predigt zu dieser Tat der Liebe. Deshalb sollen wir Menschen diese Tat tun, weil er sie vollbracht hat für uns. Die Tat Gottes an uns vollzog Jesus Christus. Die Tat Gottes Ge-schah dadurch, dass der Herr über alle Dinge uns Menschen, die wir keine Gemeinschaft, kei-nen Frieden und keine Gerechtigkeit halten können, in die Gemeinschaft mit ihm gerufen hat und heute ruft. Wer Ohren hat zu hören, der höre! Und Gottes Art, die Art Jesu Christi, er-möglicht darum ganz allein diese Gemeinschaft.

Das ist die Art Jesu Christi: der Herr über alles wurde ein Diener der Menschen. Der Starke hat uns Schwache in seine Gemeinschaft übernommen. Der König der Ehren hat sein Reich demütig in stillen Winkeln gebaut. Der im Himmel wohnt, wurde auf Erden ein Flüchtling. Der Mächtige wurde ein Knecht. Der Sündlose hatte Gemeinschaft mit den Sündern. Der Richter der Welt ließ sich verurteilen. Der Lebendige starb -FÜR UNS. Unter uns, der frag-würdigen Streiter und Zänker, der ungerechten Rechtskämpfer, verrichtet unser Herr seine Knechtsdienste. Was ist das für eine Demut, wenn der Herr und Schöpfer uns dient! Sein Dienst ist es, uns uneinige, unbedeutende, sterbliche Menschen in die Gemeinschaft seines ewigen Friedensreiches aufzunehmen.

III.

Drum wollen wir uns nicht wundern, wenn wir in der Welt Krieg und Kriegsgeschrei finden. Wir wissen nämlich, das ist die Frucht unseres eigenen bösen Herzens. Wir sollen uns aber freuen, dass Jesus Christus durch seine Predigt und seine Liebe eine Gemeinde des Friedens mit Gott und mit den Menschen um sich sammelt, eine Gemeinde, die er dann in der ewigen Herrlichkeit seines Reiches um sich haben wird, wenn sich die Welt in ihren Kriegen gegen-seitig aufgefressen hat. Diese Gemeinschaft seid ihr, sind wir, und unser Band ist die demüti-ge und gehorsame Liebe unseres Herrn.

Unser heutiges Schriftwort fordert uns auf, in dieser Art unseres Herrn uns gegenseitig in der Gemeinschaft zu erhalten, die uns Jesus Christus geschenkt hat. Ein kräftiges NEIN wird da gesagt, wenn wir den Streit der Welt in unsere Christengemeinschaft hinein getragen wollen. Ein kräftiges NEIN wird gesprochen, wenn wir uns gar wegen unseres christlichen Glaubens gegenseitig hassen oder verleumden wollen. Denn das ist die größte Freude des Teufels, wenn er in die Gemeinde >Gottes Zwietracht säen kann. Gott aber sei Dank, dass die Liebe Jesu Christi stärker ist als solche Zwietracht, und deshalb haben wir als Gemeinde des Herrn die feste Hoffnung, immer einmütiger zusammen zu wachsen in seiner Liebe.

Wenn wir das glauben, dürfen wir uns getrost freuen in mitten der Ungerechtigkeit und des Streites, der Sünde und des Todes dieser Welt. Wir können das alles gar nicht so ganz ernst nehmen, weil wir wissen: das Ende aller Dinge ist doch die Liebe Gottes und unseres Herrn Jesu Christi. Darum wollen wir ein fröhliches Lob Gottes in unserer Gemeinde singen, die in der dienenden Liebe des Herrn ihre Einheit gefunden hat. Solches Lob erklingt zusammen mit dem Dank der Gemeinden aller Zeiten und Völker. Es ist die große Schar der Erlösten, die aus großer Trübsal kommt, und die in der Bescheidenheit und Demut des begnadigten Sünders ihre Stimme erhebt. Da ist kein Grund, der die Christenheit hindern kann am gemeinsamen Lob. Nicht einmal der tiefe Graben, der in der apostolischen Zeit die Judenchristen von den Heidenchristen trennen wollte, wurde von Paulus anerkannt. Im Lobpreis Gottes wird die Brücke darüber geschlagen. Wir wollen tüchtig ans Werk gehen und auch in unserer Gemein-de Brücken bauen. Auf den Brücken wollen wir stehen und Gott danken in unserem Singen, Beten und Leben.

Freilich, es sind nur Notbrücken, in der Eile der Zeit hingestellt, mit schlechtem Material er-richtet - ein rechtes Menschenwerk. Wehe, wenn die Flut kommt! Und wir wissen nicht, wann die Fluten uns überraschen. Vielleicht wollen sie heute noch die Gemeinschaft der Ge-meinde wegspülen. Darum zittern wir um unsere Brücke, und wir brauchen viel Geduld und Trost in solcher Anfechtung. Aber wir zittern als solche, die eine Hoffnung haben zu Gott. Er hat uns mitten im Krieg und Streit der Welt in die Gemeinschaft seines Reiches aufgenom-men. Er hat uns gemahnt , schleunigst Brücken schlagen über die Gräben, die uns Christen voneinander trennen. Er hat uns die Lippen geöffnet, ihm zu danken und ihm zu singen. Er wird auch sein Werk vollenden: die Notbrücken wird er abreißen und die Gräben zuschütten.

Das ist der letzte Advent. Dann wird das Reich Gottes, das jetzt schon angefangen hat in uns zu wirken, in aller Sichtbarkeit unter uns sein. Ob wir noch leben oder schon gestorben sind: Gott wird uns auferwecken zu seinem Lobe. Darum spricht unsere Hoffnung: Die Welt ver-gehe, unser Herr komme..

Wenn wir im Glauben an die Barmherzigkeit Gottes, in der Hoffnung auf den Einbruch seines ewigen Reiches und in der Liebe zu unsern Brüdern und Schwestern heute Abend die Lichter des Christbaums draußen auf dem Marktplatz und drinnen in unsern Stuben brennen sehen, dann werden wir mitten in der Not, dem Kriegsgeschrei der Welt ein rechtes Weihnachtsfest feiern. Dann fällt auf unsere bescheidene Gabe, die wir unsern Lieben zugedacht haben, ein heller Schein von der großen Gabe, die Gott uns Menschen geschenkt hat.

Darum erfülle euch der Gott der Hoffnung mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass wir völlige Hoffnung haben durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Amen.

Daß ich sehen kann!

Lukas 18,31-43



Eine Predigt in der Christusgemeinde und in der Petrusgemeinde Lahr
am Sonntag Estomihi, dem 25. Februar 2001

von Klaus Deßecker


Schriftlesung: 1. Korinther 13,1-13

Lieder: 359,1.5.6; Aus Psalm 31 (EG 715.1); 302,1.6; 384,1-4; 236,1-6; 406,1.5.6

Wochenspruch: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn
Lukas 18,31



Liebe Gemeinde!

"Sehen können" - das ist so wichtig für uns, daß wir unser Leben von dieser Fähigkeit aus beschreiben: wir erblicken das Licht der Welt, und wir schließen die Augen für immer, wenn die Stunde unseres Abschiedes von dieser Welt gekommen ist. Aber nicht nur unser persönliches Leben, sondern auch unsere ganze moderne Technik ist beherrscht von dem Bemühen, immer weiter und immer tiefer sehen zu können: mit Ferngläsern in die Natur, mit den riesigen Geräten der Astronomen ins Weltall. Und die Welt des Kleinen erschließen uns schon längst nicht mehr nur die Lupen und Mikroskope, sondern wir haben Geräte erfunden, die uns unvorstellbar kleine Bereiche eröffnen. Im Fernsehprogramm "3sat" können wir jeden Abend vor den 19-Uhr-Nachrichten die Sendung "Nano" sehen. Dazu sollte man wissen, daß in der Physik Nanometer den milliardsten Teil eines Meters bedeutet. In dieser Nanowelt bewegen sich unsere Forscher, die sich mit Atomen, Molekülen und Genen beschäftigen. Und schließlich ist "Sehen können" eine große Errungenschaft der modernen Medizin. Unsere Organe werden durchleuchtet und bis in ihre Feinheiten durch raffinierte Techniken sichtbar gemacht.

"Sehen können" kann aber auch in Situationen wichtig sein, wo es nicht um Lichtstrahlen geht, die unsere Augen erreichen und dann in unserem Gehirn verarbeitet werden. "Ich blicke nicht mehr durch", so sagen wir, wenn wir unsere Lage nicht mehr verstehen und nicht mehr wissen, wie es mit uns weiter gehen soll. An diese Art des Sehens denke ich, wenn ich den Anfang unseres heutigen Predigttextes lese:

Jesus nahm zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem .

Ich gehe nämlich davon aus, liebe Gemeinde, daß Jesus seinen Jüngern mit dieser Aufforderung "Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem" zu einer geistlichen Einsicht verhelfen wollte, zum Durchblick in das, was auf sie zukommen wird. Und ich glaube, daß dies nicht nur für die Jünger Jesu wichtig ist, sondern daß es die ganze Christenheit bis auf heute entscheidend angeht, was Jesus dann sagte:

Es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und mißhandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tag wird er auferstehen .

Wenn man diese Worte hört, dann steht vor dem geistigen Auge die Gestalt Jesu, dem das alles in Jerusalem widerverfahren ist. Sein römischer Richter Pontius Pilatus zeigte nach der grausamen Geißelung selber auf diesen geschundenen Menschen und sagte in lateinischer Sprache: "Ecce homo" - auf deutsch: Seht, welch ein Mensch! Pilatus wollte erreichen, daß die Ankläger Jesu das Leiden dieses Menschen so sehen konnten, daß aus diesem Anblick Mitleid in ihnen erwachte. Aber dies geschah nicht, die Ankläger wurden nur noch wütender und schrien laut: "Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn!"

Liebe Gemeinde, es ist in der zweitausendjährigen Geschichte der Christenheit immer wieder geschehen, daß man den jüdischen Anklägern Jesu im Nachhinein vorwarf, sie hätten keine Augen des Mitleids, sondern nur Augen des Hasses gehabt. Sie hätten überhaupt nicht verstanden, worauf es in dieser Situation vor dem römischen Richter ankam, sondern sie hätten sich nur von ihrem religiösen Fanatismus und ihren mörderischen Emotionen leiten lassen. Aber der Evangelist Lukas, der unseren Predigttext geschrieben hat, berichtet, daß auch die Jünger Jesu keinen Zugang zum Verständnis des Leidens Jesu hatten. Lukas erzählt von ihnen:

Sie begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede (Jesu) war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war .

Und die Jünger Jesu offenbaren dabei ihre Blindheit für Gottes Weg . Es will ihnen nicht in den Sinn kommen, daß das Leben des Menschensohns sich so vollenden müsse, wie das Leben aller Menschen, die alle durch das dunkle Tor des Leidens und Sterbens gehen müssen, ehe sie zu ihrer letzten und ewigen Ruhe bei Gott auferstehen. Die Christen mußten das in ihrer oft leidvollen Geschichte immer wieder neu lernen, daß es zu ihrem Glauben gehört, das Kreuz Jesu nicht weg zu werfen, sondern mit zu tragen.

Dabei gibt es auch heutzutage Propheten, bei denen wir in die Schule gehen können. Ich erinnere an den Maler Hans Grundig, der vor hundert Jahren am 19. Februar in Dresden geboren wurde. Hans Grundig hat die Schrecken der Konzentrationslager selber erlebt und zur Erinnerung ein Bild gemalt. Da liegen zwei Tote in Häftlingsanzügen in einer großen goldenen Schale, und Hans Grundig schrieb dazu: "Ich wollte diese zertrümmerte und wunderbare Menschlichkeit einhüllen in alle Kostbarkeit, die uns Menschen möglich ist. Ich fand, man müßte sie auf pures Gold legen".

Liebe Gemeinde, bei der Beschäftigung mit diesem Predigttext kam mir in den Sinn, was der Wiener Psychiater Viktor E. Frankl über die Aufgabe des Arztes geschrieben hat: Er kommt nicht aus, wenn er nur die beiden Ziele verfolgt, seine Patienten arbeitsfähig zu machen und darüber hinaus noch genußfähig; nein, er muß sie auch leidensfähig machen. Er muß sie eben instand setzen, das schicksalhaft notwendige, weil unbehebbare und unvermeidbar gewesene Leiden auf sich zu nehmen, zu schultern und zu tragen. .Wenn ich recht sehe, hat Frankl, der als Jude wie Jesus das Leid in schlimmster Form kennengelernt hatte, das gesagt, womit wir alle unser Problem haben: menschliches Leid von Gott anzunehmen und in der Nachfolge Jesu zu tragen.

Es wäre aber gegen jede Erfahrung, wenn wir vergäßen, daß wir auf unserm Lebensweg auch durch Stationen der Freude kommen, und wenn wir blind für Gottes Heilkraft wären . Von einer Station der Freude erzählt Lukas unmittelbar nach der Leidensankündigung Jesu:

Es begab sich aber, als er in die Nähe von Jericho kam, daß ein Blinder am Wege saß und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was da wäre. Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!

Jesus aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, daß ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, daß ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.

Liebe Gemeinde, die Stationen unerwarteter Freude, die wir in unserem Leben heutzutage entdecken können, sind anderer Art. Wir können Jesus von Nazareth nicht leiblich begegnen, aber wir können es immer wieder erleben, daß uns die Augen aufgetan werden, wenn wir blind waren: blind für die Liebe unserer Eltern, blind für die Not eines Menschen in unserer Nähe, der auf Hilfe wartet, blind für die Schönheit der Natur und blind für die tägliche Freude, die wir auch an schweren Tagen erleben können. Wenn wir unser Leben in seiner ganzen Fülle sehen können mit den Augen des Leibes und den Augen unserer Seele, wenn wir unseren Weg als Gottes Weg mit uns sehen und verstehen können, dann kann es uns genau so gehen wie dem blinden Mann vor der Stadt Jericho:

Er wurde sehend und folgte Jesus nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

Daß ich sehen kann, ist dann nicht mehr mein Wunsch, sondern meine Freude.
Amen.

Fürchte dich nicht

Jesaja 43,1-7

Eine Predigt zum Wochenspruch in der Paulus- und Luthergemeinde Lahr
am 6. Sonntag nach Trinitatis, dem 22. Juli 2001

von Klaus Deßecker

Schriftlesung: Matthäus 28,16-20

Lieder: 276,1.2; Aus Psalm 139 (EG 771); 326,1; 419,1-5; 200,1.2; 425,1-3

Wochenspruch: So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich ha-be dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!.
Jesaja 43,1



Liebe Gemeinde,

In einem Kunstkalender habe ich das Bild einer Frau gefunden. Sie sitzt allein in einem Ei-senbahnabteil und blättert völlig versunken in ihren Zeitschriften. Ihr Gesicht ist hinter einer großen Hutkrempe verborgen, als wollte sie sich von der Umwelt abschirmen. Den Fenster-platz hat sie nicht besetzt, hinter dessen Scheibe die abendliche Landschaft vorbeizieht mit einer Brücke, einem Wald und einem rötlich leuchtenden Abendhimmel. Die Frau scheint an den natürlichen Vorgängen draußen nicht interessiert. Sie befaßt sich nur mit Illustrierten und Büchern.



Der amerikanische Maler Edward Hopper hat das Bild dieser Frau schon 1938 gemalt. Die Frau ist namenlos, und der Titel des Bildes heißt technisch und bürokratisch nur "Abteil C, Waggon 293". Edward Hopper lebte von 1882 - 1967 und gilt als Maler des modernen Men-schen, der in der Masse einsam wirkt, der sich in Apartments, in Imbißstuben oder Eisen-bahnabteilen verschanzt, und der seine Erfahrungen im Wesentlichen aus zweiter Hand, aus Medien, bezieht. Der Maler betont diese Isolierung mit einer exakten Malweise, einer beton-ten Darstellung von Licht und Schatten und merkwürdig stumpfen Farben. (Harenberg Kunst Tageskalender 2001, 3.4.2001.)

Man stelle sich vor: plötzlich geht die Tür des Abteils auf. Ein junger Mann kommt herein, sagt "Guten Abend, darf ich Sie für einen Augenblick stören? Ich habe eine gute Nachricht für Sie. Es ist ein Wort der Bibel für diese Woche. Es heißt:

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!"

Wie wird die Frau reagieren? Wird sie sagen: "bitte lassen Sie mich in Ruhe und verschwin-den Sie?" Oder wird sie einfach in ihrer Illustrierten weiterlesen mit dem neuesten Klatsch über Politiker, Filmstars, Königshäuser oder Verbrecher jeder Art? Oder denkt sie: der ist verrückt und schreit um Hilfe? Oder ist sie neugierig und sagt: "Wie meinen Sie das?"

Auf diese Frage hätte der junge Mann die Chance zu einer Antwort. Wenn er jetzt mit einer langen Belehrung anfinge, könnte es nicht zu einem Gespräch kommen. Besser wäre es, wenn der junge Mann es wagte, persönlich zu werden und sein Gegenüber in sein eigenes Leben hinein nehmen würde. Er könnte etwa sagen:

"Fürchte dich nicht!" Ich höre diese Worte, als gälten sie mir. Sie rufen Erinnerungen in mir wach. Es sind die Erinnerungen an die Zeit, als ich ein Kind war. Erinnerungen an eine Hand, die meine Finger fest umschloß, an der ich mich halten konnte, wenn ich gehen lernte. Erinne-rungen an eine Stimme, die mich tröstete, wenn ich im Dunkeln Angst hatte. Heute bin ich erwachsen, habe selber Kinder und kann ihnen die Furcht nehmen. Wer hilft mir heute, wer hilft uns in den Ängsten der Erwachsenen?" Mit dieser Frage verlassen wir die erdachten Ge-sprächspartner im "Abteil C, Waggon 293". (nach: K. Eulenberger, in: Fürchte dich nicht - Materialien zum Kirchentag 1981, Bd. I, 1980, S. 18 f. (zit. aus Predigtstudien zur Perikopen-reihe V, Kreuzverlag Stuttgart 1983 S. 151)

Liebe Gemeinde, Edward Hopper hat mit diesem Bild von 1938 geradezu ein Symbol für die einsame Situation des erwachsenen modernen Menschen geschaffen, das heute noch gültig ist. Sind es nicht viele Ängste, vor denen wir uns auf immer neue und andere Art abzuschirmen versuchen?

Ich nenne Beispiele, die wie Schlaglichter auf die persönlichen Ängste vieler Menschen wir-ken:
· Angst, den Anforderungen des Berufs nicht zu genügen;
· Angst, arbeitslos zu werden;
· Angst vor dem Versagen in der Erziehung der eigenen Kinder;
· Angst vor Krankheit, vor dem Tod geliebter Menschen und vor dem eigenen Sterben;
· Angst, ein sinnloses Leben zu führen.
Wie soll man mit diesen Ängsten umgehen? Soll man sie verdrängen und vergessen wollen in den Geschäften des Alltags, in aufregenden Vergnügungen und hysterischen Massenveran-staltungen?

Oder soll man versuchen, mit Gewalt aus dem Gefängnis der Ängste auszubrechen? Das ge-schieht vor allem im politischen Bereich. Ich nenne als Beispiel die wütenden Aktionen der Demonstranten, die vor einigen Wochen beim EU-Gipfel in Göteborg mit Steinen und Molo-towcocktails gegen die Globalisierung protestierten. An diesem Wochenende treffen sich in Genua die Verantwortlichen der führenden Industrienationen, um über die Entwicklung der Weltwirtschaft zu beraten. Es weckt bei vielen große Sorgen, wenn sie erleben, wie die Wirt-schaft immer mehr den Händen der Politiker entgleitet. Riesige Geldmengen fließen unkon-trollierbar von einem Kontinent zum andern, schwemmen ganze Industriezweige weg, hin-terlassen dabei leere Fabrikruinen und arbeitslose Menschen. Dann staut sich das Geld ir-gendwo, und mit Hilfe des angesammelten Kapitals entstehen neue Produktionsanlagen und arbeiten, bis auch sie überflüssig werden und verelenden. Der Bonner General-Anzeiger schreibt dazu, die Diskussion über die Verteilung des Reichtums in der Welt müsse geführt werden, wer aber solche Treffen mit Gewalt verhindern wolle, unterstütze nicht die Armen, sondern diejenigen, die für ihr Handeln keine Kontrollen und Auflagen akzeptieren wollen. So wird die Anarchie auf der Straße zum Bundesgenossen der Anarchie in der Wirtschaft. (General-Anzeiger Bonn zu Genua am 18.7.01)

Liebe Gemeinde, ich möchte nun nicht den Anschein erwecken, als wüßten wir Christen ein-fache Rezepte und Patentlösungen für die vielen Fragen, Nöte und Ängste, die uns betroffen haben (vgl. Psalm 46,1-4). Das Wort "Fürchte dich nicht!" fordert uns aber auf, unsere be-rechtigten und unberechtigten Sorgen hinter uns zu lassen. Statt dessen sollen wir unsern Blick nach vorn richten, nach der Zukunft, die Gott für uns bereitet. Das ist im Sinne Jesu, der in seiner Bergpredigt gesagt hat:

Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß jeder Tag seine eigene Plage habe. (Matthäus 6,34)

Dieses Wort hat mir mein Vater in einem Feldpostbrief geschrieben, als ich als einfacher Sol-dat an den sinnlosen und schweren Kämpfen am Ende des Krieges teilnehmen mußte. Jesu Wort meint, daß Gott selber in die Weggenossenschaft mit unseren Sorgen und Ängsten ein-getreten ist. Gott als unsern Weggenossen zu haben, das verändert unsere Ängste: Sie sind noch da, aber sie beherrschen uns nicht mehr. Und so werden wir frei für den nächsten Tag. So werden wir frei, über unsere Aufgaben am nächsten Tag nachzudenken und das Nötige zu tun. Die Freiheit vom Zwang der vielen Ängste, die unsere Gefühle und Gedanken beherr-schen wollen, öffnet unsere Augen für den Alltag, daß wir ihn bestehen und genießen können. (vgl. zu diesem Abschnitt: Rainer Stuhlmann: Geteilte Angst ist halbe Angst [in: Predigtstu-dien zur Perikopenreihe V, Kreuzverlag Stuttgart 1983 S. 148] und Bultmann, Rudolf: Theo-logie des neuen Testaments. Tübingen 1953, S. 317)

· Gott als Weggenossen zu haben - das heißt, an Jesus Christus zu glauben, der uns in gro-ßer Freiheit, in Liebe und im Leiden auf diesem Weg vorangegangen ist.
· Gott als Weggenossen zu haben - das heißt, seinem Heiligen Geist zu vertrauen, der Herr ist und lebendig macht, wie es in einem Glaubensbekenntnis heißt (von Nizäa - Konstan-tinopel)
· Gott als Weggenossen zu haben - das heißt, mit anderen auf dem Weg zu sein, nicht al-lein im Abteil seines Lebens zu sitzen, sondern einen Platz in der Gemeinde Jesu Christi zu haben.

Darum schließt das Evangelium zum 6. Sonntag nach Trinitatis mit dem Befehl des aufer-standenen Herrn, in alle Welt zu gehen, den vielen Einsamen und Ängstlichen das Evangeli-um zu sagen:

Fürchte ich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.

Und zum sichtbaren und fühlbaren Zeichen dessen sollen sie getauft werden und dabei ihren Namen bekommen, ihren "Christian Name", wie die Engländer sagen. Ein getaufter Mensch ist nicht mehr gesichts- und namenlos wie die Frau vom "Abteil C, Waggon 293", sondern er ist vor Gott eine Persönlichkeit in ihrer eigenen Würde.
Amen.

Gott hat einen hellen Schein in unser Herz gegeben

2. Korinther 4,6

Eine Ansprache zum 50jährigen Ordinationsjubiläum beim Tag der badischen Pfarrerinnen und Pfarrer in Rust
am 17. September 2001 ,
von Klaus Deßecker


Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Gustav Löffler hat mich gebeten, einige Worte für diejenigen zu sprechen, die in diesem Jahr ihr 50. Ordinationsjubiläum feiern. Um mich dabei nicht im Allgemeinen zu verlieren, will ich von mir persönlich reden und dabei versuchen, etwas von dem durchblicken zu lassen, was unserer Generation gemeinsam ist, einer Generation, die während des Hitler - Reiches ihre Kindheit erlebt hatte, die in ihrer Jugend die Schrecken des Krieges erfahren hatte und danach in einem zerstörten Land und unter verstörten Menschen Wege in eine neue Zukunft suchen mußte.

Am 21. Januar 1951 wurde ich in der Stadtkirche zu Sulzburg ordiniert. Kreisdekan Prof. D. Otto Hof gab mir den Ordinationsspruch:

Gott, der da hieß das Licht aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, daß durch uns entstünde die Erleuchtung von der Erkenntnis der Klarheit Gottes in dem Angesichte Jesu Christi .

Ich war damals gerade 25 Jahre alt und hatte als Soldat 2½ Jahre Krieg und Gefangenschaft hinter mir. Es gibt noch genügend Zeitzeugen unter uns, die verstehen, was es heißt, von der Finsternis umgeben zu sein und plötzlich ein Licht hervorleuchten zu sehen. Als 19 jähriger habe ich dies erfahren, und ich möchte davon erzählen:

Während der Ardennenoffensive war ich an Weihnachten 1944 in einem belgischen Dorf. Nach einem Luftangriff brannten einige Häuser. Ich war mit Stahlhelm und Gewehr bewaffnet und traf in einem Bauernhaus auf eine von Angst und Schrecken erfüllte Familie. Sie saß um den Tisch im Herrgottswinkel. Wie sollte diesen Menschen verständlich machen, daß ich nichts Böses vor hatte? Ich deutete auf das Kruzifix, vor dem sich die Familie zusammengekauert hatte, und dann auf mich. Dann ging ich wieder und hoffte, daß etwas vom Frieden Gottes zurück blieb. Heute weiß ich: das war eine der Erfahrungen, durch die mein Lebensziel verändert wurde: Statt Physiker wollte ich Pfarrer werden, wenn ich diesen Krieg überleben sollte.

Dann haben wir Heimkehrer Theologie studiert. Wir waren unseren Lehrern dankbar, die uns neue Welten des Geistes und des Glaubens eröffnet haben, und nenne aus meiner Tübinger Zeit besonders die Professoren Karl Heim, Helmut Thielicke, Gerhard Ebeling und Romano Guardini. Sie konnten auf den Grundlagen aufbauen, die uns unsere Eltern während der Kindheit gegeben hatten. Dank sei ihnen allen! "Ihr Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach" heißt es im Hebräerbrief.

Ja, und nach der Ordination sollte durch uns "die Erleuchtung von der Erkenntnis der Klarheit Gottes in dem Angesichte Jesu Christi" entstehen. Die Landeskirche schickte uns in die Gemeinden, in die Schulen und die vielerlei Dienste, die Christen aufgetragen sind. Ob es uns geschenkt wurde, daß wir immer wieder das Licht aus den vielerlei Finsternissen des Lebens hervorleuchten sahen? 50 Jahre sind eine lange Zeit! Was darin alles geschehen kann, beschreibt der Apostel Paulus in einer langen Liste, aus der ich einige Beispiele nenne:

In allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsal, in Nöten, in Ängsten, als die Traurigen, aber allezeit fröhlich.

Ob wir einige Stationen unseres Lebensweges in dieser langen Liste entdecken können? Ob unsere Kirche in den gegenwärtigen Finsternissen und Nöten wieder Gottes Licht im Angesicht Jesu entdecken und bezeugen kann? Denn das Licht ist da, es scheint in der Finsternis, wenn es die Finsternis auch nicht ergriffen hat .

Angesichts der schrecklichen Ereignisse in der Politik blicken wir heute mit vielen Fragen in die Zukunft und als alt gewordene Menschen erleben wir unsere Vergänglichkeit. Das Ende kommt in Sicht. Unsere Altersgenossin Ingeborg Bachmann schrieb 1952 in einem Gedicht: Es kommen härtere Tage. Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.

Aber eine Verheißung des Hebräerbriefes leuchtet auch in diese Dunkelheiten:

Es ist noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes.

Daran möchte ich mich festhalten.

Altes und Neues vom Wertehimmel

Zur Grundsatzdiskussion über Wertfragen im Zusammenhang eines orientieren-den und motivierenden Welt- und Daseinsverständnisses

Vortrag beim Rotary Club Lahr
am 24. August 2000
von Klaus Deßecker


1. These
Die Frage nach einem wertorientierten Ansatz in den Konzepten menschlichen Handelns ist auf dem Hintergrund einer breit ausgeführten Grundsatzdiskussion zu sehen.


Im März 2000 wurde von der "Deutschen Shell AG" die 13. Jugendstudie "Jugend 2000" her-ausgegeben. Sie ist veröffentlicht beim Verlag Leske und Budrich in Opladen . Darin steht ein wichtiger Beitrag von Yvonne Fritzsche unter dem Titel Moderne Orientierungsmuster: In-flation am "Wertehimmel". Der ungewöhnliche Begriff "Wertehimmel" bezieht auf eine Ver-öffentlichung des amerikanischen Soziologen "The Sacred Canopy", die schon 1967 in New York erschienen ist . Berger, den Yvonne Fritzsche nicht erwähnt, geht von der Tatsache aus, daß Menschen, von der Natur nicht mit angeborenen Verhaltensschemata - Instinkten - ausge-stattet, aufgrund ihrer besonderen biologischen Verfassung gezwungen sind, kollektiv ihre Lebenswelt selbst zu konstruieren, nach eigenen Bedürfnissen aufzubauen und mit Sinn zu erfüllen. So verstanden, ist Gesellschaft ein Produkt des Menschen, ein Produkt freilich, wel-ches, bis zur völligen Fremdheit objektiviert, auf seinen Produzenten dialektisch zurückwirkt, indem es dessen Sozialisation lebenslang bestimmt. Was Menschen einmal in Sprache, Ideen, Normen, Handlungen, Techniken, Institutionen etc. externalisiert, also nach außen verlagert haben, objektiviert sich und wird von nachfolgenden Generationen als Faktizität hingenom-men und internalisiert, also wieder verinnerlicht, wobei Strukturen der objektiven Welt wieder in solche subjektiven Bewußtseins übergehen.

Die wichtigste Funktion der gesellschaftlich etablierten Sinnwelt sieht Berger im Schutz ge-gen den Einbruch des Chaos, der "Unwirklichkeit", angesichts ungereimter oder schmerzli-cher Grenzerfahrungen, in denen die routinehafte Ordnung des Alltagslebens zu zerbrechen droht - Traum, Krankheit und Tod, Naturkatastrophen, Krieg, Revolution. Religion ist nun das uralte Unterfangen des Menschen, über der Brüchigkeit der eigenen sozialen Welt einen das Einzelleben überdauernden heiligen Kosmos, eine absolut sinnvolle Ordnung zu errichten; sie ist eine gigantische Ausweitung menschlicher Sinnhaftigkeit in die Leere des Universums. Dieser vergegenständlichten und oft auch personifizierten obersten Wirklichkeit vergewissern sich die Gläubigen immer wieder, erinnernd, im sakralen Ritual, und von ihr beziehen sie die - nicht selten mystifizierenden - Legitimationen für ihr Tun. Wiederum wirkt das Produkt auf den Produzenten zurück; dies meint Berger mit der Formel Dialektik von Religion und Ge-sellschaft«.

In diesem Sinn gebraucht Yvonne Fritzsche den Begriff "Wertehimmel" und beginnt ihren Aufsatz mit einem "Abgesang auf den allgemeingültigen Wertehimmel".

2. These
Man kann philosophisch von Werten entweder in einem eher objektiven oder in einem eher subjektiven Sinn sprechen:

- objektiv sind Werte vor allem bestimmende und tragende Elemente einer geistigen Welt von Ideen und Idealen
- subjektiv sind Werte z.B. so etwas wie Gesichtspunkte, die den Blick auf die wesentli-chen Bedingungen des Lebens lenken, und die in persönlichen Überzeugungen ge-gründet sind.

3. These
Im Zusammenhang nihilistischer Strömungen in der abendländischen Philosophie wird im 19. Jahrhundert "die Rede von den Werten geläufig und das Denken in Werten üblich. Der Häufigkeit des Redens entspricht die Unbestimmtheit des Begriffs".


Wir machen es uns oft zu wenig bewußt, wie sehr wir noch am Ausgang des 20. Jahrhunderts in die Probleme und ungelösten Fragen des vorangegangenen 19. Jahrhunderts verstrickt sind.

Einige Stichworte sollen daran erinnern:
- Der machtvolle Beginn des wissenschaftlich-technischen Zeitalters in Europa mit epo-chalen Umbrüchen aller Lebensverhältnisse.
- Das unaufhaltsame Vordringen ökonomischen Denkens in alle Lebensbereiche bis hin zur Ausbildung von Philosophien, die den Primat wirtschaftlichen Denkens ideologisch begründen und rechtfertigen. Dazu gehört der Liberalismus mit seinen kapitalistischen und der Sozialismus mit seinen planwirtschaftlichen Ökonomien.
- Die wachsende Orientierung der politischen Machtverhältnisse an demokratischen Idealen und Forderungen. Damit verbunden war die allmähliche Abwendung von den Herrschaftsstrukturen der Monarchien.
- Kulturell begann in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eine fruchtbare Zeit kühnen Expe-rimentierens. Ich nenne als Beispiel nur die Malerei, die sich in rascher Folge über die subjektiven Erlebnis und Gestaltungsformen des Impressionismus und Expressionismus in die mehr nicht gegenständlichen Bereiche des Abstrakten entwickelte.

Daß in solchen Zeiten die Menschen außerordentlichen Belastungen ausgesetzt sind, wenn sie in Zeitgenossenschaft an diesen Entwicklungen mehr oder weniger teilhaben, zeigt sich nicht nur auf den vielen Gebieten, die in der sogenannten "sozialen Frage des 19. Jahrhunderts" vor allem im Blick auf die Unterschichten der Bevölkerung behandelt werden, sondern ergreift in der Form von vielfältigen Sinn-, Orientierungs- und Lebenskrisen alle Schichten, gerade auch die bisher tragenden Macht- und Meinungseliten. Literarisch spiegelt sich dies in einer oft großartigen und faszinierenden europäischen Existenz- und Dekadenzliteratur wieder, die in schreckliche Tiefen und Dunkelheiten der menschlichen Seele hinab leuchtet. Denken Sie nur an Dostojewski und Gogol im europäischen Rußland!

Auf diesem zeitgeschichtlichen und geistigen Hintergrund, der von der Politik der damals in Europa herrschenden Großmächte Deutschland, Frankreich und England nur oberflächlich mit grellen Farben übertüncht war, stellte 1887 der Philosoph Friedrich Nietzsche die Frage:
"Was bedeutet Nihilismus?"
und Nietzsche antwortete darauf:
"Daß die obersten Werte sich entwerten".
In seinem Manuskript unterstrich Nietzsche diese Antwort und versah sie mit dem erläutern-den Zusatz: "Es fehlt das Ziel, es fehlt die Antwort auf das 'Warum'?"

Man geht davon aus, daß Nietzsche unter den jetzt der Wertlosigkeit preisgegebenen obersten Werten die "philosophische Trinität'' der schon aus der Antike überkommenen höchsten Ideale
des Wahren, Guten und Schönen
verstanden hat , also dessen, was wir als die Haupttugenden einer heilen Welt betrachten, und was nun hoch problematisch geworden ist: Was ist schon wahr, was ist schon gut, was ist schon schön in dieser so anders gewordenen Welt! Mit solchen Fragen beginnt die Reise in den Nihilismus, sagte Nietzsche, und was der Mensch auf dieser Reise theologisch - also in der Sache mit Gott - erlebt und erleidet, hat Nietzsche schon fünf Jahre zuvor im Jahr 1882 niedergeschrieben:

"Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage seine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: 'Ich suche Gott!' - Da dort viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verlorengegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlau-fen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? Ausgewandert? - so schrien und lachten sie durchein-ander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blik-ken. 'Wohin ist Gott?' rief er 'ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder!"

So formuliert sich bei Nietzsche das geistige Klima des ausgehenden 19. Jahrhunderts philo-sophisch in der These von der
"Umwertung aller Werte"
und theologisch in der Botschaft des tollen Menschen:
"Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet."
Es ist wichtig, daß wir bei der Besinnung auf den Hintergrund der derzeitigen Wertdiskussion nicht die Weite und Tiefe des umgreifenden theologischen Horizonts übersehen.

4. These
Im 20. Jahrhundert wird die Beschäftigung mit der Wertproblematik durch schwere politi-sche und gesellschaftliche Herausforderungen verschärft.
- Während der 1. Hälfte des Jahrhunderts erscheinen zur Grundsatzdiskussion in Wert-fragen wichtige Veröffentlichungen führender Philosophen.
- In der 2. Hälfte des Jahrhunderts tritt bei der Bemühung um eine geistige Grundlage für das Zusammenleben der Menschen in der Bundesrepublik Deutschland die Frage nach tragenden Grundwerten der Gesellschaften und einer darauf aufbauenden Wertordnung in den Vordergrund gesellschaftspolitischer Überlegungen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Einbrüche in den Fundamenten abendländischer Kultur noch tiefer und vor allem deutlicher. In Deutschland regierte Kaiser Wilhelm II. Golo Mann beschreibt das geistige Klima des Kaiserreichs so:
- "der Nationalismus als schnarrende Phrase, in der kein großes Herz mehr schlägt, die nur noch den Dünkel nährt, materielle Bereicherung verbirgt und fördert, die Korrup-tion, der öde Kampf der Interessen, die Glaubenslosigkeit trotz allen christlichen Ge-redes, die Vergottung des Erfolgs... es war kein guter Stil, der Stil des Kaiserreichs mit seinen Hofpoeten, Hofmalern, Hofpredigern, seinen Kaisergeburtstagsreden und Se-danfeiern, seinen Prunkbauten, Kasernen, renovierten und gefälschten Burgen..."
Und resümierend stellt Golo Mann fest: "Das Falscheste entstand neben dem Richtigen und Wahren."

Auf diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund ist verständlich, warum der Berliner Philosoph Max Scheler in den Jahren zwischen 1913 und 1916 Untersuchungen veröffentlichte,
- die auf eine Lehre von den sittlichen Werten zielten, dabei
- nach ihrer Rangordnung und den darauf beruhenden Normen fragten, und zugleich
- den auf wahre Einsicht beruhenden Einbau der sittlichen Werte in das Leben der Men-schen erstrebten
Scheler setzte den Relativierungen und Subjektivismen des Zeitgeistes einen "strengen ethi-schen Absolutismus und Objektivismus" entgegen und forderte, "daß alle Werte den Per-sonwerten unterzuordnen sind, auch
- alle möglichen Sachwerte,
- ferner alle Werte von unpersönlichen Gemeinschaften und Organisationen"
Deshalb gab er seinem Buch auch den Untertitel:
"Neuer Versuch der Grundlegung eines ethischen Personalismus.

Was die Rangordnung der Werte angeht, so faßte er verschiedene, aber in seiner Sicht gleich-artige ethische Werte in Wertreihen zusammen, die er nach vier übereinanderliegenden Ebe-nen oder "Qualitätssystemen" anordnete :

1. Die Wertreihe des Angenehmen und Unangenehmen
2. Die Wertreihe vitalen Fühlens
1. Die Wertreihe des geistigen Fühlens
2. Der Wertbereich des Heiligen mit den entsprechenden Gefühlen der "Seligkeit" und "Ver-zweiflung"

Alle diese ethischen Werte sind für Scheler "klar fühlbare Phänomene" , die in einer Art "unmittelbaren Anschauung" von ihrem Wesen her einsichtig sind und nur aufgewiesen, aber nicht bewiesen werden können und müssen. Mit dieser geordneten Vielfalt, mit diesem hiear-chischen Kosmos von Werten will Scheler - wie der Tübinger Theologe Eberhard Jüngel for-muliert - "dem ethisch verantwortlich handelnden Menschen die konkrete Fülle des Lebens als sittlich relevante, als sittlich wertvolle, nämlich als von sittlichen Werten volle Lebensfülle zurückerobern."

Trotz oder wegen dieses vornehmen wertphilosophischen Konzepts gelangt es aber Max Scheler nicht, heilend und helfend in die im Ersten Weltkrieg explosiv ausgebrochene und allgemein bewußt gewordene Kulturkrise einzugreifen.
- Statt dessen erhofften völkische und nationale Kreise, daß aus den "Stahlgewittern" des Krieges ein geläuterter deutscher Mensch erstehe, oder
- man erhoffte die Wende aus Niedergang und Entfremdung von Weltrevolution und Dik-tatur des Proletariats.

Die Versuche, derartige Utopien zu verwirklichen, sind geschichtlich mit dem Namen Hitler und Stalin verbunden, deren fast vergessenes Bündnis im August 1939 schließlich zum Aus-bruch des Zweiten Weltkriegs in seiner alles bisher Dagewesene übersteigenden Entfesselung eines menschenverachtenden Nihilismus führte. "Du bist nichts, dein Volk ist alles", war die Wertungsdirektive des Nationalsozialismus, während der marxistisch-leninistische Sozialis-mus nur Interesse am Menschen als Gattungswesen, nicht aber am Menschen als Individuum hat. "Wer bin ich, was ist das 'Ich', ist es am Ende nur eine grammatikalische Fiktion - so fragt in Arthur Köstlers Roman 'Sonnenfinsternis' ein Altkommunist vor seiner Hinrichtung, der in Stalins Säuberungsprozessen zum Tode verurteilt worden war" .

In dieser makaberen, von Hitler und Stalin geprägten Phase der europäischen Geschichte, war die Neuveröffentlichung der Werke von Max Scheler, die inzwischen vergriffen waren, unter-bunden worden. Seine Vorstellungen von wertorientiertem Handeln waren damals nicht ge-fragt. Aber im Jahr 1943, als sich die katastrophale Niederlage Deutschlands in Verbindung mit ungeheuren Menschenopfern und Zerstörungen allmählich abzeichnete, griff der Freibur-ger Philosoph Martin Heidegger in seinem Aufsatz "Nietzsches Wort 'Gottes ist tot' " die Frage nach dem Wesen des Nihilismus wieder auf, die er an der Gottesfrage und an Nietz-sches "Versuch einer Umwertung aller Werte" erörterte . Nietzsche erkennt, schreibt Hei-degger -, "daß mit der Entwertung der bisherigen obersten Werte für die Welt doch die Welt selbst bleibt und daß allererst die wert-los gewordene Welt unausweichlich zu einer neuen Wertsetzung drängt..."

Dabei enthüllt sich der Wille zur Macht als das Prinzip der Umwertung aller Werte und zugleich als das Prinzip einer neuen Wertsetzung . Heidegger hat 1943 angesichts dieses Prinzips einer neuen Wertsetzung, das die Menschen in den Werken der Diktaturen, Gewalt-täter und totalitären Systeme leidvoll erfuhren und erfahren, an das Geschrei des tollen Men-schen erinnert, "der Gott sucht, indem er nach Gott schreit"

Wo wertorientiertes Handeln nach den Traditionen abendländischer Ethik von nihilistischen Strömungen überflutet und hinweg geschwemmt wird, ist für Heidegger die Stunde neuen Denkens gekommen: "Vielleicht hat da ein Denkender wirklich de profundis (d.h. aus den Tiefen zu Gott) geschrieen? Und das Ohr unseres Denkens? Hört es den Schrei immer noch nicht? Es wird ihn so lange überhören, als es nicht zu denken beginnt. Das Denken beginnt erst dann, wenn wir erfahren haben, daß die seit Jahrhunderten verherrlichte Vernunft die hartnäckigste Widersacherin des Denkens ist" schreibt Heidegger 1943.

Bald nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Staates in seiner militärischen Niederlage 1945 setzten die Bemühungen ein, für die überlebenden Menschen in den Besat-zungszonen der Alliierten eine neue geistige und rechtliche "Basis für das Zusammenleben einer staatlich organisierten Gemeinschaft" zu finden. So entstand das Grundgesetz der Bun-desrepublik Deutschland, das 1949 für die Besatzungszonen der drei westlichen Alliierten in Kraft trat . In der obersten deutschen Rechtsprechung wird das Grundgesetz "eine wertge-bundene Ordnung" genannt, "die den .Schutz von Freiheit und Menschenwürde als den ober-sten Zweck allen Rechts erkennt; sein Menschenbild ist nicht das eines selbstherrlichen Indi-viduums, sondern das der in der Gemeinschaft stehenden und ihr vielfältig verpflichtete Per-sönlichkeit" . Damit hat sich nach 1949 durchgesetzt, was im Gefolge Max Schelers in der Zeit der Weimarer Verfassung von 1919 bis 1933 erst begonnen hat: deutsche Gerichte be-gründen "ihre Entscheidungen in weitem Maße mit wertphilosophischen Gesichtspunkten" .

Auch im Bereich der politischen Parteien brach die Frage nach einer tragfähigen Grundlage für ihr politisches Handeln auf. Einerseits wollte man das eigene politische Wollen in einem programmatischen Parteikonsens formulieren, andererseits sollte das parteipolitische Konzept aber auch nicht in Widerspruch zum Grundkonsens der Gesellschaft stehen, der in der "wert-gebundenen Ordnung" der Verfassung vorlag. So wurde - beginnend mit dem Godesberger Programm der SPD 1959 - bis in die jüngste Zeit eine Diskussion um die Begriffe

"Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität",

geführt, die man als Grundwerte und entscheidende Orientierungskriterien für das politische Handeln in einer demokratischen Gesellschaft betrachtet. In den programmatischen Schriften der SPD von 1959, der FDP von 1971, der CSU von 1976 und der CDU von 1978 nennen die Parteien "dem Worte nach die selben drei Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, wenn auch in unterschiedlicher Reihenfolge und Betonung" . Daß diese Grundwertediskussi-on der politischen Parteien in tiefere geistige Schichten der Wertproblematik, wie sie etwa in der Konfrontation mit der abendländischen Kulturkrise aufbrechen, vorbringen kann, muß bezweifelt werden, denn "der geistige Pluralismus in den Parteien und in der Gesellschaft drängt zur Zurückhaltung im Grundsätzlichen, vor allem in der Begründung von Werten" .

5. These
Der Rat der EKD und die Deutsche Bischofskonferenz sind 1979 mit einer Gemeinsamen Erklärung in die Grundwertediskussion eingetreten. Dabei wurden Auslegungen der Zehn Gebote, "die den Christen als Anrufe Gottes heilig sind und die sich auch in einer langen geschichtlichen Erfahrung als Anleitung zu einem menschenwürdigen Leben bewährt ha-ben", in das öffentliche Gespräch eingebracht.

In ihrem Vorwort zur Gemeinsamen Erklärung vom 17. Juli 1979 sprechen auch Landesbi-schof Prof. Dr. Lohse als Vorsitzender des Rats der EKD und Kardinal Höffner als Vorsitzen-der der Deutschen Bischofskonferenz
vom "Hintergrund einer tiefen Unsicherheit",
auf dem die gegenwärtige Diskussion über die Grundwerte zu sehen sei.

Von dieser Unsicherheit seien
- sowohl das Leben des Einzelnen
- wie das Zusammenleben in Staat und Gesellschaft erfaßt.

Die Ursachen der Unsicherheit seien zahlreich. Als Beispiele werden genannt:
- der Zweifel am Sinn des Lebens,
- die Ratlosigkeit gegenüber den Zukunftsaufgaben der Menschheit,
- eine allgemeine Lebensangst, die nur mühsam verdrängt wird.

Die beiden Bischöfe verzeichnen als "positives Ergebnis" der bisher geführten Grundwerte-diskussion, an der auch die Kirchen beteiligt gewesen seien, "daß es weithin als unentbehrlich erkannt worden sei, menschliches Leben und Zusammenleben an gemeinsam bejahten sittli-chen Werten auszurichten" . Es liege nahe, daß die evangelische und die katholische Kirche einen eigenen Beitrag in die Grundwertediskussion einbrächten, der nun unter dem Titel "Grundwerte und Gottesgebot" als Gemeinsame Erklärung des Rates der EKD und der Deut-schen Bischofskonferenz veröffentlicht werde. Die "vornehmliche Bedeutung dieser Erklä-rung liege in ihrer Gemeinsamkeit, die trotz unterschiedlicher Traditionen evangelischer Ethik und katholischer Moraltheologie durch den Ansatz bei der Auslegung biblischer Texte ge-sucht worden sei. Konkret ist damit gemeint, daß die Überlegungen der gemeinsamen Erklä-rung von den Zehn Geboten ausgehen , die als Anhang allerdings nicht in der biblischen; sondern in der Katechismusfassung der verschiedenen Konfessionen der Gemeinsamen Erklä-rung beigegeben sind .

6. These
In der wissenschaftlichen Theologie wird von dem Heidelberger Neutestamentler Gerd Theißen neuerdings eine interessante These über das Verhältnis Jesu zu der Bedeutung von Werten für die kulturelle Entwicklung der Menschheit vertreten : Jesu Barmherzigkeitsethik sei ein Protest gegen den unbarmherzigen Selektionsmechanismus dieser Welt.


Theißen schreibt, der Mensch lebe im Übergang zwischen zwei Welten: zwischen biologi-scher und kultureller Evolution. Er unterliegt den logischen Gesetzen von Mutation und Se-lektion, habe aber schon einen Schritt in eine Evolutionsphase getan, in der Kultur eine Chan-ce sei, Selektion zu verringern. Die Verkündigung Jesu artikuliere wie die ganze Bibel einen direkten Protest gegen ein Selektionsprinzip, das dem besser Angepaßten und "Tüchtigeren" Lebenschance auf Kosten des Schwächeren gebe. Der Übergang zwischen den beiden Evolu-tionsphasen geschehe in der ganzen Menschheitsgeschichte. Er werde in der Bibel bewußt artikuliert. Religiöse Symbole und Bilder würden hier das heimliche Programm der Kultur entschlüsseln (dekodieren). In diesem Zusammenhang weist Theißen daraufhin, daß Jesu Heilspredigt eine Aufwertung stigmatisierter Gruppen bringe, die soziale, physische oder mo-ralische Defizite haben . Weil Jesus die Fähigkeit gehabt habe, seine Anhänger mit einer schwer erklärbaren Ausstrahlungskraft zu faszinieren und "unkonventionelle Werte und Ver-haltensweise" überzeugend vertreten zu können, wird Jesus von Theißen als Charismatiker bezeichnet .

Nietzsche hat in seinem Fluch auf das Christentum gerade Jesu Barmherzigkeitsethik ange-sprochen, in dem er in seiner Schrift "Der Antichrist" schrieb : "Das Mitleiden kreuzt im ganzen großen das Gesetz der Entwicklung, welches das Gesetz der Selektion ist. Es erhält, was zum Untergang reif ist, es weht sich zugunsten der Enterbten und Verurteilten des Le-bens.... Mitleiden ist die Praxis des Nihilismus."

7. These
Im Gegensatz zu den vor allem neuzeitlichen Versuchen, einen objektiv und überzeitlich gültigen Wertehimmel philosophisch und / oder theologisch zu finden und zu beschreiben, betreibt die 13. Shell Jugendstudie "Jugend 2000" eine empirische Werteforschung .


Dafür geht die Jugendstudie von den gegenwärtigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aus:

"Heute nun beschreibt die Gesellschaft keinen Raum mehr, in dem ein lineares biografisches "Fortkommen" üblich ist. Was gestern schon einmal überholt war, kann heute wieder stim-men, muß aber nicht zwingend morgen auch noch gelten. Mit der technologischen Entwick-lung, der wachsenden Mobilität und der Pluralisierung von akzeptierten Lebensformen erge-ben sich in nahezu allen Lebensbereichen neuartige Wahlmöglichkeiten. Die "Korridore" zur persönlichen und biografischen Entfaltung werden breiter und durchlässiger, weil sie an inne-rer Geschlossenheit verlieren. Neue Formen des familialen Zusammenlebens und vielfältige neue Solidarstrukturen entwickeln sich, neue Berufe und Betätigungsfelder entstehen.

Die Globalisierung hat uns von daher keinen Werteverlust, sondern eine Wertevielfalt be-schert. Wie aber sich einen lebenslangen Wertehimmel abstecken, wenn es kaum mehr Sterne gibt, die sich klar unterscheiden, die ewig dauern und die trefflich den Weg leuchten?"... Das Firmament "outet" sich als großes neues Durcheinander und die großen Sterne scheinen in loser Folge zu verglühen, um an völlig anderen Orten vervielfacht wieder aufzutauchen.

8. These
Der persönliche Wertekosmos der Jugendlichen wird in der Jugendstudie empirisch in acht Wertebereichen (Fachbegriff: "Wertedimensionen") abgebildet:

- Autonomie - Kreativität und Konfliktfähigkeit
- Menschlichkeit - Toleranz und Hilfsbereitschaft
- Selbstmanagement Disziplin du Einordnungsvermögen
- Attraktivität - gutes Aussehen und materieller Erfolg
- Modernität - Teilhabe an Politik und technischem Fortschritt
- Authentizität - persönliche Denk - und Handlungsfähigkeit
- Familienorientierung - Partner, Heim und Kinder
- Berufsorientierung - gute Ausbildung und interessanter Job

Diese Wertebereiche wurden auf Grund der Auswertung von 80 Fragen gebildet, die in Inter-views 4000 Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren vorgelegt worden waren. Dabei wurde eine Stichprobe ausgearbeitet, die repräsentativ für die Jugendlichen der Bundesrepu-blik sein soll. Dabei wurde der Ausländeranteil unter den Jugendlichen von 14% (560 Perso-nen) genau so berücksichtigt, wie andere Untergruppierungen nach Herkunft, Bildung, Wohnverhältnisse, Religion etc. Das Gros der Daten war Mitte August 1999 erfaßt wor-den. Das Ergebnis zeigte, daß die Jugendlichen in allen acht Wertebereichen Themen fanden und Aussagen fanden, zu denen sie sich zustimmend, neutral oder ablehnend äußern konnten.

Als Beispiel seien das Thema "Autonomie" aus dem 1. Wertebereich genannt. Da geht es um folgende Möglichkeiten:
- selbständig denken und handeln
- allein auf Ideen kommen
- sich von unangenehmen Dingen nicht so leicht unterkriegen lassen
- die eigene Meinung vertreten, auch wenn die Mehrheit anders denkt
- keine Angst von Konflikten haben
- den Mut haben, nein zu sagen.
Beim Thema "Menschlichkeit" wird genannt:
- hilfsbereit gegenüber anderen Menschen sein
- mit anderen teilen, etwas abgeben können
- Menschen, die anders sind, akzeptieren
- jeden Menschen so akzeptieren, wie er ist
- etwas für die Gesellschaft leisten
- andere Kulturen kennenlernen
Die Zustimmung zu einzelnen Aussagen eines Wertebereichs bedeutet natürlich noch nicht, daß man sich im Alltag auch entsprechend verhält. Die Studie zeigt, daß sich aus den Wertorientierungen keine stabilen Voraussagen für ein entsprechendes Verhalten herleiten lassen , eine Problematik, auf die schon Jesus im Gleichnis von den ungleichen Söhnen hin-gewiesen hat : ein Vater bat seine beiden Söhne, im Weinberg zu arbeiten. Der eine sagte "Nein" und ging dann doch; der andere sagte "Ja" und ging nicht. Frage: Wer von den beiden hat den Willen des Vaters erfüllt?

Kritisch muß vermerkt werden, daß die Studie nicht deutliche Anzeichen für die wachsende Gewaltbereitschaft vor allem unter Jugendlichen heraus gearbeitet hat. Im Rheinischen Mer-kur vom 18.8.2000 war zu den derzeit beobachteten Haßausbrüchen zu lesen, sie seien "ohne das geistige Vakuum einer weithin entchristlichten Gesellschaft nicht denkbar". Politiker sei-en davor zu warnen, "in der voranschreitenden Säkularisierung allzu leichtfertig die Grundla-gen aufzugeben, auf denen Deutschland und Europa gebaut ist."

9. These
Die Jugendlichen verabschieden sich von einem Leben unter einem "heiligen Wertehim-mel" und "nähen sich selbst die Stoffe aus den verschiedenen Wertebereichen" zu einer "sehr irdischen Patchwork - Identität " zusammen.

Yvonne Fritzsche verläßt bei ihrem Resümee das Bild vom "Wertehimmel" und gebraucht einen anderen Vergleich zur Beschreibung des Lebenskonzepts der Jugendlichen ihrer Unter-suchung:
"Der Reflex auf die Verunsicherungen am Arbeitsmarkt und die Sorge um die eigenen (späte-ren) Erwerbsmöglichkeiten und Erwerbsverläufe zeigen deutlich, daß die handfesten Nähar-beiten an den Mänteln in der kargen Nachkriegszeit und mit der Gewißheit, daß es aufwärts gehen wird, einer viel komplizierteren und abstrakteren Form der Flickarbeit gewichen sind, nämlich dem Patchwork an der eigenen Identität und am eigenen Lebenslauf - denn ungebro-chene Linearitätserwartungen hegt kaum noch jemand. Zu dieser Patchwork-Identität gehört es auch, sich bedarfsgerecht die "Mischungsverhältnisse" für die eigenen Werte zu suchen und den persönlichen Wertekosmos mit der eigenen Lebenssituation und dem aktuellen Be-dingungsgefüge in der Gesellschaft stets aufs neue abzugleichen. Daß die Jugendlichen dabei ziemlich nüchtern und illusionslos ihre eigenen Chancen und Risiken innerhalb des vereinten Europa einschätzen und mit der Ambivalenz ihrer Zukunftserwartungen recht pragmatisch umzugehen wissen, läßt sich daran ablesen, daß sie ihre persönlichen Lebensziele, Werte und Vorstellungen in der Regel hochhalten und auch ihr Handeln daran ausrichten - sofern sie sich selbst dadurch nicht biografisch behindern".

Vorausschau

Der Verzicht der Jugendlichen auf eine Lebensorientierung an einem objektiv vorgegebene Wertehimmel - also einem "sacred canopy" - hat auf die Zukunft unserer Gesellschaft und unseres Staates noch nicht überschaubare Konsequenzen:
- wenn es keine lineare, sondern nur noch gebrochene Biografien gibt, können keine Le-bensplanungen mehr entwickelt werden, die auf Langfristigkeit angelegt sind. Auf Ver-läßlichkeit in persönlichen und wirtschaftlichen Bindungen ist dann kein Verlaß mehr.
- Langfristig angelegte Studien- und Bildungsprozesse weichen einer situativen Jobmentalität.
- Kulturell werden die am emotional aufregenden Augenblick, am "event mit kick", orien-tierten Veranstaltungen mehr und mehr zunehmen. Dabei droht der Schutz des Menschli-chen durch die bewährte Kultur verloren zu gehen, worauf Heinz-Joachim Fischer am 22.8.2000 in seinem Leitartikel in der FAZ hingewiesen hat .
- Die religiöse Situation wird unübersichtlich . Die Jugendstudie hat sich zwar der Frage nach der Religion recht umfangreich im Fragebogen gewidmet, kommt aber zu dem Er-gebnis, daß die sogenannte neue Religiosität kaum hinreichend in den Blick kommt. Das-selbe gilt übrigens nach meiner Beobachtung auch für die religiösen Bindungen, Überzeu-gungen und Wertorientierungen. Der Zusammenhang zwischen Gott und dem Wertehim-mel des Menschen, den Nietzsche so beschwörend beschrieben hat, kommt überhaupt nicht ins Blickfeld der Untersuchung.

Der Blick in die Geschichte der Menschheit läßt uns annehmen, daß der "Patchwork Identität" nicht die Zukunft gehören wird, denn ohne Verläßlichkeit gibt es keine Verantwortung, ohne Verantwortung keine Barmherzigkeit, ohne Barmherzigkeit keine Menschlichkeit. Glaube, Hoffnung und Liebe werden wie bisher auch gebrochene Lebensläufe überbrücken können und neue Identitäten stiften. Der Schriftsteller Wolfgang Borchert hat nach dem 2. Weltkrieg die Situation und die Hoffnung gebrochener Lebensläufe so beschrieben:
Wir begegnen uns auf der Welt und sind Mensch mit Mensch - und dann stehlen wir uns davon, denn wir sind ohne Bindung, ohne Bleiben und ohne Abschied. ... Aber wir sind eine Generation der Ankunft. Vielleicht sind wir eine Generation voller Hoffnung auf einen neuen Stern, in einem neuen Leben. Voller Ankunft unter einer neuen Sonne, zu neuen Herzen. Vielleicht sind wir voller Ankunft zu einem neuen Lieben, zu ei-nem neuen Lachen, zu einem neuen Gott .

Von diesem neuen Gott wird sicher auch das zu sagen sein, was es schon vom biblischen Gott heißt: "Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind ". Von dessen Kraft sollte auch der Werte-himmel der Zukunft geprägt sein, so daß die Menschlichkeit im Sinne Jesu weiter wachsen kann. So ist Gott Mensch geworden, und so wird er auch in Zukunft Mensch werden . Gottes Sein ist im Werden.

Aspekte einer europäischen Leitkultur

Vortrag beim Rotary Club Lahr
am 08. März 2001
von Klaus Deßecker


Die Auseinandersetzung um den Begriff "Leitkultur" begann am 10. Oktober 2000, als Friedrich Merz, der Vorsitzende der CDU/CSU Bundestagsfraktion, im Rahmen eines Interviews von der "deutschen Leitkultur" sprach . Damals entwickelte sich eine heftige Diskussion zu diesem Thema, das vorher in der politischen und kulturellen Öffentlichkeit kaum angesprochen worden war. Da mich dieser Streit interessierte, habe ich mich mit Hilfe des Internets um Informationen bemüht. Dabei bin ich rasch fündig geworden und möchte Ihnen darüber berichten. Den Begriff "Leitkultur" habe ich zuerst in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 1995 entdeckt. Dabei handelt es sich um ein Buch mit dem Titel "Urbane Leitkulturen 1890-1914". Es enthält die Forschungsergebnisse eines Projekts, das im Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der österreichischen Universität Linz durchgeführt wurde. In der gegenwärtigen Diskussion spielt dies keine Rolle, ich erwähne es nur um zu zeigen, daß der Begriff "Leitkultur" nicht neu erfunden worden ist.

Der Göttinger Politologe Bassam Tibi kritisiert von 1996 - 1998 in mehreren Veröffentlichungen die "Ideologie des Multikulturalismus". Sie verwechsle die kulturelle Vielfalt mit dem unverbundenen Nebeneinander von Kulturghettos. Er formuliert dabei den Begriff der Leitkultur als Abwehrmittel gegen Intoleranz und eingewanderten Fundamentalismus. Bassam Tibi veröffentlicht 1998 sein Buch "Europa ohne Identität, Die Krise der multikulturellen Gesellschaft", in dem er seine Thesen ausführlich darstellt. Darüber möchte ich zunächst berichten.

1. Europa befindet sich in einer Sinn- und Wertkrise

Zweifelsohne befindet sich Europa mitten in einer Sinn- und Werte-Krise, einer Krise also, die die Europäer noch zu verarbeiten haben. Multi-Kulti-Illusionen zerplatzen angesichts echter Probleme wie eine Seifenblase und erweisen sich als ein Anzeichen dafür, daß die Bewälti-gung dieser Krise noch aussteht.
Bei meiner Suche nach Antworten auf die gestellten Fragen gehe ich zunächst von der Vermutung aus, daß hin-ter dem angesprochenen Kri-senphänomen eine Mischung von Luxus und Verfall steckt. Im welthi-storischen Kontext scheint sich der Westen als Zivilisation in einem Nie-dergang zu befinden. Ich möchte diese Beobachtung nicht als Polemik formulieren, will jedoch dieses Phänomen offen ansprechen. Es drückt sich unter anderem darin aus, daß Europäer - vor allem die Deutschen -in einem unverständlichen Selbsthaß ihre eigenen Werte selbstverleugnerisch vor anderen in den Schmutz ziehen; sie merken dabei nicht, daß ihnen diese »Büßerhemd-Mentalität« bei den potentiellen Adressaten wie zum Beispiel den Asiaten - nur Geringschätzung einbringt . Ich argu-mentiere für den Dialog und mache hierbei meine deutschen Mitbürger auf die Tatsache aufmerksam, daß Selbstrespekt und Selbstwertbewußtsein unerläßliche Voraussetzungen hierfür sind; denn sie sind wich-tig, um vom Anderen akzeptiert werden zu können. Bei der Öffnung gegenüber anderen Kulturen empfiehlt es sich in dieser Krisensituation für Europäer, die ohne Scheuklappen über den eigenen Tellerrand hinausschauen, die Prolegomena/al-Muqaddima des islamischen Philoso-phen aus dem 14. Jahrhundert, Ibn Khaldun, zu lesen, in denen er die Symptome des Niedergangs von Zivilisationen, etwa durch Verfall der Asabiyya / des Wertebewußtseins, geschichtsphiloso-phisch beschreibt.

2. Kulturelle Vielfalt und Multikulturalismus sind zweierlei

In einer kulturell vielfältigen Gesellschaft leben Menschen aus unterschiedlichen Kulturen in einem durch eine Leitkultur verbundenen Gemeinwesen zusammen. Im Modell einer Multi-Kulti-Gesellschaft gibt es dagegen keine verbindlichen Werte einer Leitkultur, sondern eine Zusammenballung von nebeneinanderher lebenden Menschen, also fak-tisch eine Ansammlung von ethnischen Ghettos. Ein solches Europa wäre ein Werte-neutrales »Wohngebiet«, ohne eigene Identität.

Mit anderen Worten: Der Glaube, daß weltanschaulich unterschiedliche kulturelle Gemeinschaften nebeneinan-der ohne Konsens, also unter Verleugnung einer Leitkultur, konfliktfrei existieren können, ist der Grundzug der Multi-Kulti-Ideologie. Kulturelle Vielfalt darf aber nicht bedeuten, daß Gemeinschaften ausschließlich ihre partikularen Werte behalten. Sie erfordert gemeinsame Grundwerte. In Europa muß die kulturelle Moderne die Quelle dieses benötigten Konsenses sein.

3. Europa braucht eine Leitkultur als Instrument des Friedens innerhalb und außerhalb Europas

Bassam Tibi fordert eine kulturübergreifende Moralität, weil das friedliche Zusammenleben von Menschen die rationale Bewältigung der Unterschiede und das Vorhandenseins eines Konsenses über einen Werte- und Nor-men-Katalog notwendig macht.

Innerer und sozialer Friede innerhalb Europas erfordern ein Einver-ständnis über Gemeinsamkeiten. Dies nenne ich »Leitkultur«, ohne die die bestehenden Spannungen, die bis zu Gewalttätigkeiten eskalierende Konflikte hervorrufen können, nicht bewältigt werden können. Es ist belanglos, ob man diese realen Konflikte - kurz, aber mißverständlich -»Kulturkampf« nennt oder ob man hierfür irgendeinen anderen Begriff heranzieht. Fest steht: Die angesprochenen Konfliktpotentiale lassen sich durch gesinnungsethische Moralisierungen nicht aus der Welt schaffen. Besonders gefährlich und für den Frieden abträglich ist die Neigung gesinnungsethisch denkender deutscher Intellektueller, zu tabuisieren und diejenigen, die sich an Denkverbote nicht halten, als »Kulturrassisten« zu diffamieren.

Die Europäer scheinen einer zweiten Aufklärung zu bedürfen, in deren Rahmen sie ihr Verhältnis zum nicht-europäischen Rest der Welt inter-kulturellen Dialog bestimmen. Zu den Aufgaben gehört, ihr ethnisch-exklusives Denken zu entromantisieren. Allerdings dürfen sie damit nicht fälschlich eine Selbstverleugnung verbinden - dies war die zentrale These des ersten Kapitels. Auf dem Boden der europäischen kulturellen Moderne müssen sie einen Normen- und Werte-Katalog verbindlich für sich und andere verlangen. Ich nenne diesen Katalog Leitkultur .
Es ist wichtig, zu wiederholen und erneut daran zu erinnern, daß die Forderung nach einer Leitkultur von einem semitischen Araber und Angehörigen der islamischen Zivilisation kommt, der zugleich Migrant ist und Europa angehören will, d. h. als ein Fremder um Anerkennung und Einbeziehung kämpft. In dieser Eigenschaft bin ich der Auffassung, daß Europa mit seiner kulturellen Moderne die soeben erläuterte Leitkultur bietet. Ich fasse sie mit wenigen Worten zusammen:
- Primat der Vernunft vor religiöser Offenbarung, d. h. vor der Geltung absoluter religiöser Wahrheiten,
- individuelle Menschenrechte (also nicht Gruppenrechte),
- säkulare, auf der Trennung von Religion und Politik basierende Demokratie,
- allseitig anerkannter Pluralismus sowie ebenso
- gegenseitig zu geltende säkulare Toleranz.

Die Geltung dieser Werte macht allein die Substanz einer Zivilgesellschaft aus.

Innerhalb Europas wird eine mit den Migranten zu teilende Leitkultur benötigt; außerhalb Europas eine inter-nationale Moralität. Die erste muß europäisch, die zweite kulturübergreifend ge-prägt sein.

4. Bei der Frage nach einer internationalen Moralität kommen Aspekte einer kulturübergreifenden globalen Leitkultur in Sicht

In diesem Zusammenhang möchte ich auf das Buch von Helmut Schmidt "Auf der Suche nach einer öffentlichen Moral" hinweisen, in dessen Anhang der "Entwurf einer Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten" abgedruckt ist. Er wurde von einem "Inter Action Council" erarbeitet und unterzeichnet. Diesem Gremium gehörten ehemalige Staatsmänner von Mitgliedern der Vereinten Nationen an, deren Erklärung am 1. September 1997 dem Generalsekretär der UNO, Kofi Annan, zugestellt wurde. Es ist nach meiner Meinung typisch, daß dieses wichtige Dokument der öffentlichen Vergessenheit anheimgefallen ist. Wer will heutzutage über eine "Universal Declaration of Human Responsibilities" nachdenken und diskutieren?

5. Aus der Geschichte des Christentums wirken wesentliche religiöse Er-fahrungen bei der Entwicklung einer europäischen Leitkultur mit.

Bassam Tibi hat aus verständlichen Gründen als Muslim sich nicht über den Beitrag des Christentums zur Gestaltung Europas und zum Zusammenleben der Menschen auf diesem Kontinent geäußert. Ich werde in diesem Abschnitt meines Vortrags einige Grundgedanken hierzu aus zwei kürzlich erschienenen Veröffentlichungen vorstellen.
- Prof. Dr. Martin Greschat, der an der Universität Gießen evangelische Kirchengeschichte lehrt, hat im letzten Jahr beim Kohlhammer - Verlag in Stuttgart ein Buch mit dem Titel: "Die christliche Mitgift Europas - Traditionen der Zukunft" veröffentlicht. Im ersten Kapitel beginnt Greschat mit einer Erinnerung:

Vor ziemlich genau 200 Jahren diskutierte ein Kreis junger Leute in Jena einen Text, den sein Verfasser als "Rede" bezeichnete und der später mit dem Zusatz "Ein Fragment" veröffentlicht wurde. In literarischer Hin-sicht handelte es sich bei diesem Manuskript weder um das Eine noch das Andere. Doch wichtiger ist: Dieser Aufsatz entwarf erstmals in deutscher Sprache - in einer gehobenen, dichterischen Sprache, notabene - die Visi-on der europäischen Gemeinschaft. Und nicht zufällig geschah das in einer ausgesprochenen Krisenzeit. Ich spreche - Sie haben es längst erkannt - von der Schrift ,,Die Christenheit oder Europa", verfaßt von Friedrich von Hardenberg, der sich Novalis nannte.
Bemerkenswert an diesem Text ist, daß er die Religion als die Grundlage der europäischen Einheit bezeichnet - also nicht wie die Aufklärung Vernunft und Rationalität, nicht wie die meisten Romantiker Philosophie und "Poesie", sondern die Religion, genauer: die Religion des Christentums, welche Geschichte gestaltet.

Von dieser Erinnerung ausgehend mustert er die Stationen der evangelischen Kirchengeschichte bis zur Gegen-wart und kommt zu folgendem Ergebnis:

Als Anhaltspunkt, von dem aus weitergedacht werden könnte, betrachte ich die Religionsartikel des Westfä-lischen Friedens aus dem Jahre 1648. Hierbei ging es, läßt man einmal alle historischen und politi-schen Fakten und Faktoren beiseite, im Kern um die Frage, wie es sich ermöglichen ließe, daß die Vertreter der drei Konfessionen - Katholiken, Lutheraner und Reformierte also -, die sich bis dahin gegenseitig blutig und erbittert bekämpft hatten, in einem Deutschen Reich miteinander leben könnten. Die Antwort lag in der Schaffung einer neuen europäischen Rechtsordnung. Das bedeutete: Die traditionelle Vorstellung, wonach alles Recht in der von Gott geoffenbarten Wahrheit wurzelt, wurde nicht preisgegeben. Aber sie wurde überwölbt von der Konzeption eines überkonfessionellen Christentums - das es, wenn es denn überhaupt möglich ist, damals jedenfalls nicht gab. Die Religionsartikel des Westfälischen Friedens arbeiteten insofern mit einer Vision: daß nämlich eine tragfähige europäische Rechtsordnung sich realisieren ließe, wenn jede Konfession bereit wäre, unbeschadet ihres Festhaltens an der eigenen dogmatischen Wahrheit, die hierin wurzelnden ethischen, humanen Wer-te herauszustellen. Gefordert war also die Bereitschaft zur Unterscheidung zwischen der Bindung an die eigene konfessionelle Wahrheit - und andererseits der hierin zwar angelegten, aber doch keineswegs mit ihr identischen allgemeinen christlichen, sittlichen Wahrheit. Darin wurde allerdings vorausgesetzt, das diese ein wesentliches Element in allen drei Konfessionen bilde. Und darum erschien es sinnvoll, das Zusammenleben von Menschen und Völkern auf dieser Basis gesetzlich, also allgemein verpflichtend zu regeln.

· Von katholischer Seite hat sich Joseph Kardinal Ratzinger zum Thema "Europas Kultur und ihre Krise" geäußert .

Auf die Frage: "Europa - was ist das eigentlich?" weist Kardinal Ratzinger daraufhin, "dass "Europa" nur se-kundär ein geografischer Begriff ist: Europa ist ein kultureller und historischer Begriff. Darauf gibt er einen geschichtlichen Rückblick, um schließlich wie Bassam Tibi die Frage aufzuwerfen: Wo stehen wir heute? Gibt es in den gewaltigen Umbrüchen unserer Zeit eine Identität Europas, die Zukunft hat und zu der wir von innen her stehen können? Aber im Unterschied zu Bassam Tibi sieht er die Grundlage für die europäische Einigung nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs im christlichen Erbe, nicht nur im nachchristlichen Ideengut der Aufklärung. Der anfängliche Enthusiasmus zu den großen Konstanten des christlichen Erbes sei aber später verflogen, und die europäische Einigung sei dann fast allein unter wirtschaftlichen Aspekten vollzogen worden.

Gegenwärtig stelle es sich aber heraus, daß die Identität Europas nicht nur im Wirtschaftlichen entwickelt wer-den kann. Ratzinger stellt fest : In den letzten Jahren ist das Bewusstsein dafür wieder gewachsen, dass die wirtschaftliche Gemeinschaft der europäischen Staaten auch ei-ner Grundlage gemeinsamer Werte bedarf. Aus solcher Einsicht heraus haben am 3. und 4. Juli 1999 die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union die Ausarbeitung einer Char-ta der Grundrechte beschlossen. Der Text wur-de am 14. Oktober von den Staats- und Regie-rungschefs gebilligt. Wie weit ist die Charta ge-eignet, dem Wirtschaftskörper Europa auch eine gei-stige Mitte zu geben?

Wichtig sei der zweite Satz der Präambel: "Im Bewusstsein ihres geistig-religiösen und sittli-chen Erbes gründet sich die Union auf die un-teilbaren und universellen Werte des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität." Erkennbar sei hier die Unbedingtheit, mit der Menschenwürde und Menschenrecht als Werte dastehen, die jeder staatlichen Rechtssetzung vorangehen. Das verstehe sich aber nicht von selbst, denn eine allem politischen Handeln vorangehende Gültigkeit der Menschenwürde verweise letztlich auf den Schöpfer. Nur er kann Rechte setzen, die im Wesen des Menschen gründen und für niemanden zur Disposition stehen. Dass es Werte gibt, die für niemanden manipulierbar sind, sei die eigentliche Gewähr unserer Freiheit und menschlichen Größe. Auch ungläubigen Menschen könne der zweite Satz der Präambel zugemutet werden.

Ratzinger nennt zwei weitere Punkte, in denen europäische Identität erscheint:
- Die monogame Ehe und das Verständnis der Familie als Zelle staatlicher Gemeinschaftsbildung sowie
Der Artikel 10 der Charta, der vom religiösen Bereich handelt. Die Staaten erklären sich als neutral den Reli-gionen gegenüber, aber zugleich räumen sie ihnen die öffentliche Selbst-darstellung ein. Das ist in sich positiv und ent-spricht letztlich der christlichen Grundeinsicht von der Unterscheidung des staatlichen und kirchlichen Bereichs. Offene Fragen sieht Ratzinger bei der zivilrechtlichen Regelung der öffentlichen Ordnung der Zeit: Der Staat kann nicht für die Muslime den Freitag, für die Juden den Samstag, für die Christen den Sonntag zum freien Tag erklären. Er wird sich für eine gemeinsame Ordnung der Zeit ent-scheiden müssen und dann nach Präferenzen zu fragen haben.

Kritisch zu Präambel bemerkt Ratzinger: Aber eines hätte mei-ner Überzeugung nach nicht fehlen dürfen: die Ehrfurcht vor dem, was dem anderen hei-lig ist, und die Ehrfurcht vor dem Heiligen überhaupt, vor Gott, die sehr wohl auch demjenigen zumutbar ist, der selbst nicht an Gott zu glauben bereit ist. Wo diese Ehrfurcht zerbrochen wird, geht in einer Gesellschaft Wesentliches zugrunde.

Ratzinger begrüßt, daß in unserer Gesellschaft derjenige bestraft wird, wer den Glauben Israels und die Grund-überzeugungen des Islam herabsetzt. Er kann es aber nicht verstehen, daß dort, wo es um das Heilige der Chris-ten geht, die Meinungsfreiheit als das höchste Gut gilt. Seine These ist: Meinungsfreiheit findet ihre Grenze darin, dass sie Ehre und Würde des anderen nicht zerstören darf.

In der katholischen Wochenzeitschrift "Christ in der Gegenwart" greift der Chefredakteur Johannes Röser die Kritik Ratzingers auf und fragt: "kann ein Europa, das sich wesentlich aus dem Christentum, aus der biblischen, der jüdisch-christlichen Religion speist, unter Ausblendung dieser Tatsachen zukunfts- und handlungsfähig wer-den? Das ist die große Frage, die sich jetzt stellt, nachdem die EU-Grundrechte-Charta diesen Punkt - die Verantwortung vor Gott - ausdrücklich von sich wies und einzig in der deutschen Übersetzung einmal eine Anspielung auf das "geistig-religiöse" Erbe zuließ, während es in allen anderen Übersetzungen nur vage heißt: "geistig-spirituelles Erbe". Papst Johannes Paul II. sagte: "Ich kann meine Enttäuschung darüber nicht verbergen, daß man in den Wortlaut der Charta nicht einmal den Bezug auf Gott eingefügt hat. In einer Replik unter der Überschrift: "Typus oder Geschichte" versuchte Jürgen Busche, Redakteur der Badischen Zeitung, darzustellen, warum es bei der Frage nach der Identität Europas nicht um das Christentum gehe. Bei der Lektüre ging es mir wie Dr. Norbert Stein von Stegen, der in einem Leserbrief die Argumentation Busches als einen "Streit um des Kaisers Bart" bezeichnete. Da dieser Bart schon lange ab ist, möchte ich es bei dieser Bemer-kung belassen.

6. Die Entwicklung einer Leitkultur kann keine nationale Aufgabe mehr sein, sondern sie sollte ein europäisches Projekt auf der Basis der Charta der Europäischen Union werden

Nach diesem Versuch einer ersten Orientierung über Aspekte einer europäischen Leitkultur komme ich nun auf die Diskussion um die eingangs erwähnte "deutsche Leitkultur" zu sprechen, die am 10. Oktober 2000 durch Friedrich Merz ausgelöst wurde, und zu der es unter dem Suchbegriff "Leitkultur" inzwischen 11 500 deutschsprachige Treffer im Internet gibt. Dazu hat die "Arcum Medien GmbH ein Buch mit dem Titel "Die wichtigsten Internetadressen zum Thema Leitkultur - Debatte" veröffentlicht . Zur Vorgeschichte gehört eine heftige Diskussion, die der Berliner Innensenator Schönbohm im Juni 1998 ausgelöst hatte. Schönbohm war in die Kritik geraten, weil er behauptet hatte, in manchen Stadtteilen Berlins habe man den Eindruck, sich nicht mehr in Deutschland zu befinden. Dann stellte er dem Konzept der multikulturellen Gesellschaft die Begriffe "Kulturpluralismus" und "Leitkultur" gegenüber .

Von der Öffentlichkeit eher unbemerkt hat der bayerische Innenminister Günther Beckstein schon 1999 unter der Überschrift: "Annäherung an die Leitkultur" einen Aufsatz veröffentlicht , in dem er multikulturellen Gesellschaftsvorstellungen eine klare Absage erteilte. Für das reibungslose Zusammenleben von Menschen verschiedener Kulturen hielt er das Bestehen einer Leitkultur für unerläßlich. Beckstein bezieht sich dabei auf ein Referat von Bassam Tibi, das in "sehr beeindruckt" hat. In diesem Zusammenhang findet sich der Begriff "deutsche Leitkultur", die bei unseren ausländischen Mitbürgern "entsprechende Akzeptanz" finden müsse. Um eine echte Integration zu erreichen, müssen die ausländischen Mitbürger "erhebliche Eigenleistungen" erbringen. An Beispiel des Berliner Stadtteils Moabit berichtet Beckstein über zunehmende Spannungen zwischen der einheimischen Bevölkerung und der türkisch-arabischen Mehrheit, also den Befürchtungen von Bassam Tibi. An manchen Hauptschulklassen liege der Ausländeranteil bei 80 %. Die Schüler verfügten über nur sehr geringe Deutschkenntnisse. Im einzelnen fordert Beckstein:
- Eine ständige Verbesserung des Bildungsniveaus ausländischer Jugendlicher.
- Deutsch zu lernen als Voraussetzung für eine Integration.
- Maßnahmen, um der integrationsfeindlichen Gettobildung entgegenzuwirken, beispielsweise bei der Sozi-alwohnungsvergabe.
- Bei der Bildung von Schulsprengeln einen bestimmten Ausländeranteil nicht zu überschreiten.

Ich - Klaus Deßecker - habe übrigens vor über 25 Jahren bei einem Besuch in einer Londoner Gesamtschule einen ähnlichen Prozentsatz von "Nichtengländern" in einer Klasse erlebt. Der entscheidende Unterschied war aber, daß englisch Unterrichtssprache war, und daß die Schüler über entsprechende Sprachkenntnisse verfügten. Das hängt meines Erachtens damit zusammen, daß in diesen Schulen "Englisch als Fremdsprache" offiziell ge-lehrt wurde, während in Deutschland der Spracherwerb an den öffentlichen Schulen für nichtdeutsche Schüler nur unzureichend angeboten und gefördert wird. Im Übrigen gibt es bis heute große pädagogische Schwierig-keiten in gemischt kulturellen englischen Schulen.

Im heftigen Streit um den von Friedrich Merz geprägten Begriff der "deutschen Leitkultur" nahm auch Bundes-präsident Rau am 24.10.2000 Stellung. Er rügte diesen Begriff und sagte, die Deutschen stünden im Wettbewerb der Kulturen. "Irgendeine Leitfunktion haben wir nicht und sollten wir auch nicht anstreben.", Europa müsse vielmehr eine Verfassung mit Grundrechtskatalog diskutieren. Dabei würden die Deutschen merken, "daß wir nicht die höchste Kultur haben." Der bayerische Ministerpräsident Stoiber wies in der Sendung "Berlin direkt" am 29.10.2000 im ZDF die Kritik von Bundespräsident Rau zurück: "Da sollte sich der Präsident ein bißchen sachkundiger machen", meinte er.

Aus dem Chor der prominenten Kritiker des Begriffs "Deutsche Leitkultur" nenne ich die Hamburger Bischöfin Jepsen, die bei diesem Begriff Magenschmerzen bekommt, den PEN-Präsidenten Said, der den Begriff als Missgeburt bezeichnet und schließlich Walter Jens, der "Deutsche Leitkultur" als Unwort des Jahres vorgeschlagen hat , ohne allerdings damit Erfolg zu haben. Gustav Seibt schreibt in der ZEIT kurz und bündig: Die Verfechter der Leitkultur sind historisch ahnungslos, folgen einer fatalen Tradition und ignorieren das moderne Heimatgefühl. . Bundesinnenminister Otto Schily hatte allerdings bei Sabine Christiansen im ARD-Programm am 5. November 2000 ernüchternd von einer "albernen Diskussion" um den strittigen Begriff gesprochen, der bürokratisch sei, und die CDU hat den Begriff durch "Leitkultur in Deutschland" ersetzt.

Abschließend erwähne ich den CDU-Politiker Heiner Geißler, der in einem Artikel in der WELT schrieb: "Wenn die Fahne fliegt, ist der Verstand in der Trompete", sagt ein ukrainisches Sprichwort. In diesem Instrument versammelt sich zurzeit die Intelligenz eines Teils der politischen Klasse Deutschlands. Sie sucht die Identität der Deutschen und bestätigt damit den psychiatrischen Befund Friedrich Nietzsches, demzufolge es die Deutschen kennzeichne, daß sie die Frage "Was ist deutsch?" niemals aussterben ließen. Geißler weiter: Das Nationale ist kein Grundwert, an dem man sich in einer High-Tech-Gesellschaft orientieren könnte, und es kann sich bekanntlich mit jeder Ideologie und mit jeder Barbarei verbinden.. Wenn man nach einem substanziellen Fundament moderner Industriegesellschaften sucht, dann sind dies die Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, die als einzige die Unantastbarkeit der Menschenwürde auch in einer von Technik und Wissenschaft bestimmten Welt garantieren können. Geißler schließ: Natürlich gehört es zu meiner persönlichen Identität, daß ich Deutscher bin. Aber meine Identität erschöpft sich nicht darin. Ich versuche Christ zu sein, und ich will Demokrat sein, und dies ist für mich wichtiger, als Deutscher zu sein. Diese Stellungnahme Heiner Geißlers kommt meiner eigenen Auffassung am nächsten:

Es geht nicht um eine deutsche Leitkultur, sondern um die Entwicklung einer europäischen Leitkultur in Deutschland auf der Basis der Charta der Europäischen Union.

Damit ist eine Aufgabe in der Sache, aber nicht in der Terminologie formuliert; denn der ursprünglich wissen-schaftliche Begriff "Leitkultur" ist durch die politische und ideologische Diskussion verbraucht, zumal nun auch die Republikaner" in Baden-Württemberg diesen Begriff in ihrer Wahlpropaganda zum 25. März 2001 verwenden. Man wird vielleicht besser von der Verwirklichung der europäischen Grundrechte in Deutschland sprechen. Bassam Tibi versteht unter europäischen Leitkultur einen verbindlichen Normen- und Werte-Katalog. .

Wie der in der Charta politisch formulierte Katalog europäischer Grundwerte von der nächsten Generation im Alltag umgesetzt werden wird, ist allerdings unvorhersehbar. In meinem Vortrag beim Rotary Club Lahr am 24. August 2000 über "Altes und Neues vom Wertehimmel" habe ich die empirischen Daten zum Wertkonzept junger Menschen aus der Shellstudie "Jugend 2000" vorgestellt. Dabei war eines der Ergebnisse, daß die Jugendlichen in der Regel auf eine Lebensorientierung an einem objek-tiv vorgegebene Wertehimmel - also einem "sacred canopy" - verzichten und statt dessen ihre persönlichen Lebensziele, Werte und Vorstellungen hochhalten und daran ihr Handeln ausrichten. Dabei entsteht eine "Patchwork-Identitätt", die aus vielen Flicken und Stücken biographischer Erfahrungen zusammengesetzt ist. Ob dies einmal die wirkliche Identität der Menschen in Europa werden wird, nach der Bassam Tibi gefragt hat? Ich schließe mit einer Frage; denn dies hätte für die Zukunft unserer Gesell-schaft und unseres Staates noch nicht überschaubare Konsequenzen. Günter Hirsch, der derzeitige Präsident des Bundesgerichtshof stellte fest:
Das Recht kann kein Terrain zurückerobern, das die Ethik verloren hat.

Literatur

Bassam Tibi:
(zit. Bassam Tibi) Europa ohne Identität
Die Krise der multikulturellen Gesellschaft München 1998
C. Bertelsmann Verlag

Ratzinger, Joseph Kardinal: Europas Kultur und ihre Krise Die Zeit 7. Dezember 2000 Nr. 50, S. 61-63

Beckstein, Günther: Annäherung an die Leitkultur
In: ifa - Zeitschrift für Kulturaustausch Stuttgart 1999 Heft 3
Institut für Auslandsbeziehun-gen

Schmidt, Helmut: Auf der Suche nach einer öffentlichen Moral
Deutschland vor dem neuen Jahrhundert Stuttgart 1998
Deutsche Verlagsanstalt (Goldmann Taschenbuch 15071) April 2000

Greschat, Martin: Die christliche Mitgift Europas -
Traditionen der Zukunft Stuttgart 2000
Kohlhammer

Div. Zeitungen mit Artikeln zum Thema "Leitkultur"

Kannonier, Reinhard, Konrad, Helmut: Urbane Leitkulturen 1890-1914
Leipzig - Ljubljana - Linz - Bologna Wien 1995
Institut f. Zeitgeschichte, Uni-versität Linz

Internet zum Thema "Leitkultur