Rolf und Margret Rettich waren unsere ersten Gäste in Lahr

Umzug nach Lahr

Anfang April 1976 kamen wir mit Sack und Pack in Lahr an. Eva war vorausgefahren und hatte als Erste im neuen Haus übernachtet. Da die Gärtner um Haus herum noch sehr tätig waren, war der Einzug etwas mühsam, aber am Abend standen die Möbel, und wir konnten unter dem eigenen Dach schlafen gehen. Am 4. April hatten wir die ersten Gäste. Rolf und Margret Rettich, die bekannten Kinderbuchgraphiker, hielten dies auf Seite 1 des neuen Gästebuches fest. Da unsere beiden ältesten Kinder Christoph und Katharina wenige Wochen zuvor geheiratet hatten, blieben die für sie geplanten Zimmer frei. Wir haben sie noch rechtzeitig in eine Einliegerwohnung umwandeln können, in die unser Sohn Claudius als erster Mieter einzog, der in den Lahrer Werkstätten für Behinderte arbeitete. Eva zog zu ihrem Bruder Christoph in der Nähe Freiburgs und besuchte von dort ihre Schule in Freiburg bis zum Abitur. Wir waren froh, daß wir ein großes Wohn- und Eßzimmer gebaut haben. Da ist immer Platz zum Feiern für die Familie und für unsere Freunde.

Religionspädagogik und Kinderbücher

Meine religionspädagogische Arbeit in Karlsruhe betrieb ich auch von Lahr aus als Fernpendler. Da ich bei meinen Besuchen in London erfahren hatte, daß einstündige Fahrten von der Wohnung zum Arbeitsplatz eher die Regel als die Ausnahmen sind, dachte ich, diese Lebensweise könne man auch in unsern Alltag in Deutschland übertragen. In der Bahn hatte ich morgens Zeit und Ruhe, mich auf die Arbeit vorzubereiten, und abends konnte ich mich mit der Zeitung beschäftigen. Eine besondere Bereicherung war es für mich, daß ich durch Rosemarie in die Welt des Büchermachens eingeführt wurde. Man lernte Autoren, Graphiker, Verleger und Drucker kennen, und ich bekam dadurch viele Anregungen für die Entwicklung neuer Schulbücher und Arbeitsmaterialien. Ich hatte ja als Schüler und als Lehrer immer wieder über die altmodischen und langweiligen Schulbücher gestöhnt und lernte jetzt, wie man es besser machen kann.

Höhepunkte waren die jährlichen Buchmessen in Frankfurt und Bologna. Wenn es Herbst wurde, traf man in Frankfurt die umfassende internationale Buchwelt an, dagegen war Bologna mit seinem italienischen Charme der Platz, an dem mit der Kinderbuchmesse der Frühling begann. Auch Bologna war international ausgerichtet. Während Rosemarie Gespräche mit Künstlerinnen und Künstlern führte, um neue Talente für neue Kinderbücher zu entdecken, studierte ich die Angebote religiöser Kinderbücher. Dabei fand ich überraschenderweise, daß aus Japan sehr gute Bilderbücher mit christlichem Inhalt angeboten wurden, während sonst das Mittelmaß vorherrschend war. Eine leuchtende Ausnahme war natürlich der Verlag Ernst Kaufmann aus Lahr, so daß Rosemarie immer frisch gestärkt nach Hause kam. Bis zu ihrem 60. Geburtstag arbeitete Rosemarie vollberuflich im Verlag. Im Sommer 1985 ging sie in den Ruhestand.

Es kommen härtere Tage

Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont

Mit diesen Worten beginnt ein Gedicht von Ingeborg Bachmann, und damit ist angesagt, was die achtziger Jahre für Rosemarie und mich brachten. Zuerst griff 1980 eine schwere Infektionskrankheit nach mir, die sich im Bauchraum ereignete und schließlich nur durch eine große Operation besiegt werden konnte. Dann aber entdeckten die Ärzte kurz vor Weihnachten 1985 bei Rosemarie einen Darmkrebs, der zwar sofort operiert wurde, aber sich im Januar 1987 mit Metastasen zurück meldete. Wir haben die "gestundete Zeit" noch im Herbst 1986 durch eine unvergeßliche Wander- und Kunstreise nach Burgund genutzt. Nach der zweiten großen Operation im Januar 1987 war Rosemarie sehr geschwächt. Ich war froh, daß mein Freund Prof. Dr. Jean Paul Obrecht vom Kantonspital in Basel die onkologische Behandlung zunächst ambulant übernahm. Ein mehrwöchiger Klinikaufenthalt war aber notwendig, als Rosemarie lebensgefährliche Ernährungsprobleme bekam.

Rosemarie feierte am 14. Mai 1987 ihren 62. Geburtstag im Kantonsspital. Wir bekamen zur Feier ein Besuchszimmer zugeteilt, wo wir miteinander Kaffee trinken konnten. Rosemarie wußte aber nicht, daß meine vier Kinder dort auf sie warteten. Sie waren aus Kanada, aus Berlin und aus dem Schwarzwald angereist, um ihr eine Freude zu machen, und diese Überraschung ist geglückt.

Im Herbst 1987 konnten Rosemarie und ich unsere letzte gemeinsame Reise machen. Wir flogen nach Vancouver und wohnten bei meinem Sohn Christoph. Mit einem Leihwagen entdeckten wir eine neue Welt.

Liebe ist stark wie der Tod

Hoheslied 8,6

Im Sommer 1988 wurde die Chemotherapie eingestellt, und als Rosemarie starke Schmerzen bekam, wurde im Kantonsspital Basel eine sehr erfolgreiche Schmerztherapie begonnen. Im sorgfältig eingehaltenen Rhythmus von 6 Stunden bekam Rosemarie zu Hause ihre Injektion, wie ich es in Basel gelernt hatte. Rosemarie war schmerzfrei, und wir konnten bis zum Beginn des Frühjahrs 1989 viele schöne kleine Wanderungen im Schwarzwald machen. Aber am Ende der Passionszeit mußte Rosemarie wieder nach Basel. Eine letzte große Operation wurde am Gründonnerstag durchgeführt - palliativ, wie der Chirurg sagte. Danach wurde die Schmerztherapie intensiviert. Rosemarie hatte schöne Wachträume, lud Freunde und Kinder ein. Sie hörte immer wieder die Lieder, welche Martin Gotthard Schneider zusammen mit seiner Frau Vreni für sie gesungen hatte. Sie bekam viel Besuch, Abschiedsbesuche der Verwandten und Freunde. Meine Kinder kamen, Christoph wieder von Vancouver. Am 14. Mai feierte sie ihren letzten Geburtstag und starb friedlich am 19. Mai 1989. Am 29. Mai haben wir sie auf dem Friedhof in Sulzburg in unser Familiengrab zur letzten Ruhe gelegt.

Das leuchtende Schweigen

Die Trauer überfällt einen, wenn man allein am Tisch sitzt und niemand da ist, mit dem man reden kann. Aber der Trost kommt mit einem guten Wort, mit einer Einladung, mit einem Besuch. Das alles habe ich erfahren, als ich von Basel wieder nach Lahr heimgekommen war. Rosemaries Schwester Margret, unsere Nachbarin über den Garten, begleitete mich täglich. Dann kam ein Anruf aus der Fachschule für Sozialpädagogik in Nonnenweier. Ich wurde gefragt, ob ich eine Vertretung für den Religionsunterricht übernehmen könne. Da hatte ich wieder eine Aufgabe gefunden, die mich ins Leben zurück rief. Irgendwann erzählte ich meinen Schülerinnen und Schülern, daß meine Frau auf dem Sterbebett ein Fest für Kinder vorbereitete. Eines Tages teilten mir die angehenden Erzieherinnen und Erzieher mit: wir machen die Kinderparty und spielen dazu "Tabaluga und das leuchtende Schweigen" von Peter Maffay. Während einer Studienwoche im Schwarzwald wurde das Stück vorbereitet: Rollen wurden verteilt, ein Bühnenbild und Kostüme wurden erdacht. Dann kamen 90 Kinder mit Bussen zum Fest in den Garten des Evangelischen Diakonissenhauses in Nonnenweier.

Besuch aus England

Während dieser Zeit kam Rosemaries Cousine und gute Freundin Constance nach Lahr zu Besuch. Sie lebte allein in Milton Keynes als Cellolehrerin im Ruhestand. Durch Rosemarie kannte ich sie seit 1972. Wir hatten vieles gemeinsam: Freude an der Musik und am Schwarzwald, Verwandte und Freunde, und unsere deutschen und englischen Kinder verstanden sich gut. Wir beschlossen, unsere alten Tage gemeinsam zu gestalten, weil wir uns lieb hatten.

Rotary

Bald nachdem Rosemarie und ich nach Lahr umgezogen waren, erzählte mir mein neuer Vetter Rolf Kaufmann vom Rotary Club Lahr. Er schilderte das Leben im Club in so leuchtenden Farben, daß ich nicht "nein" sagen konnte, als er mich auf eine mögliche Mitgliedschaft ansprach. Seit 1977 gehöre ich zu diesem Freundeskreis, dem ich sehr viel zu verdanken habe. Die rotarische Freundschaft bewährte sich nicht nur in der meiner schweren Zeit nach dem Tod Rosemaries, sondern sie ist so etwas wie eine fruchtbare Erde, in der ich Wurzeln schlagen konnte.

Freunde für Menschen mit Behinderungen

(in der Vorbereitung)

Hospizarbeiti

(in der Vorbereitung)