Kepler-Gymnasium Freiburg

Während der Sommerferien im Jahr 1964 wurde ich von Oberkirchenrat Katz, dem Schulreferenten der Evangelischen Landeskirche in Baden, zu einer Besprechung eingeladen. Dabei wurde ich gebeten, mich um die vakante Stelle eines Gymnasialprofessors für den Evangelischen Religionsunterricht am Kepler-Gymnasium in Freiburg zu bewerben. Ein frei gewordenes Pfarrhaus in der Möslestraße wurde mir für meine Familie angeboten. Ein großer Garten hinterm Haus wartete auf meine vier Kinder, die damals zwischen 5 und 12 Jahre alt waren. Ganz in der Nähe war das Berthold-Gymnasium - meine Schule, die ich von 1937 - 1943 besucht hatte. Der Entschluß, dieses Angebot anzunehmen, fiel nicht leicht, da Ettlingen uns in den Jahren von 1952 bis 1964 zur zweiten Heimat geworden war.

Meine Versetzung nach Freiburg wurde im Januar 1965 ausgesprochen, und im April konnten wir in der Möslestraße einziehen. Unser Umzug nach Freiburg wurde dadurch überschattet, daß Lisel noch in Ettlingen an einer Venenentzündung erkrankt war, die im Krankenhaus Karlsruhe-Rüppurr behandelt werden mußte. So kam es, daß sie zur Weiterbehandlung mit dem Krankenwagen an die Universitätsklinik in Freiburg gebracht wurde. Die Freude war groß, als wir nach einigen Wochen wieder als Familie zusammen sein konnten. Wir erlebten eine schöne Zeit, fanden alte Freunde aus meiner Schulzeit und neue Freundinnen und Freunde. Im Sommer wanderten wir im Schwarzwald, der unmittelbar hinter unserem Haus am Waldsee begann, und im Winter brachte ich meine Kinder zum Skifahren auf den Schauinsland.

Im Kepler-Gymnasium wartete auf mich eine neue Situation: als neuer Religionslehrer mußte man neue Beziehungen mit jungen Menschen knüpfen, die oft dem Unterrichtsfach kritisch gegenüber standen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse in einer Universitätsstadt unterschieden sich deutlich von Ettlingen, das noch stark von kulturellen und religiösen Traditionen geprägt war. Mit meinen Schülerinnen und Schülern versuchte ich, Konzeptionen des Unterrichts zu finden und zu entwickeln, die sie ansprachen, und die für sie wichtig waren. Dabei stellte sich rasch heraus, daß man mit den bisherigen Lehrplänen und Unterrichtsmaterialien nicht weiter arbeiten konnte. So begannen wir, neue Wege zu gehen. Von einem Schüler lernte ich, wie man ein Arbeitsheft für den Religionsunterricht gestalten kann. Er besorgte sich in einem Reisebüro Prospekte zu einer Reise nach Israel, schnitt Bilder und Landkarten aus und klebte sie in sein Heft. Als ich einen Buchhändler fragte, ob er mir einen Verlag empfehlen könne, mit dessen Hilfe man ein derartiges Arbeitsheft herausgeben könne, empfahl er mir den Ernst Kaufmann Verlag in Lahr. Rudolf Wein, ein Kollege aus Lahr, war bereit, bei diesem Projekt mitzumachen. Es kam zu einer Verlagsbesprechung, bei der wir der Lektorin Frau Rosemarie Kaufmann unsere Ideen vortrugen. Kurz gesagt: 1969 erschien das Heft 1 des "Biblischen Arbeitsbuchs" mit dem Titel: "Ich habe euch ein Land gegeben". Es behandelte die Landnahme der Israelstämme. Die Schülerinnen und Schüler können sich dieses Thema mit Hilfe von kurzen Informationen, Bildmaterial, Rätseln und anderen Lern-Elementen selbst erarbeiten. Damit war die bisherige Herrschaft des Frontalunterrichts abgelöst!

Bildungsreform in Baden-Württemberg

Bei verschiedenen Konferenzen und Besprechungen mit Kolleginnen und Kollegen in Baden und Württemberg zeigte es sich, daß überall ein Bedürfnis zu einer gründlichen Reform des Religionsunterrichts in den beiden Landeskirchen bestand. Es kam zu Kontakten mit den Kirchenleitungen in Karlsruhe und Stuttgart, und schließlich wurden hierfür die personellen und institutionellen Voraussetzungen geschaffen, über die ich später berichte. Diese Entwicklung wurde durch zwei Faktoren beschleunigt:

1965 wurde - mit ausgelöst durch das Buch "Die deutsche Bildungskatastrophe" (1964) von Georg Picht - eine umfassende Reform des Bildungswesens in Baden-Württemberg durch den damaligen Kultusminister Professor Dr. Wilhelm Hahn eingeleitet. "Bildung für die Welt von morgen" war das programmatische Ziel angesichts eines rapiden technischen Fortschritts und des großen Bevölkerungswachtums in allen Teilen der Erde. Bundesweit veröffentlichte der damalige "Deutsche Bildungsrat" von 1970 an Empfehlungen zu einer neuen Struktur des Bildungswesens. Alle diese bildungspolitischen Aktivitäten des Staates berührten auch die Belange des Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen.

Die gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüche

1968 wurde es auch in Freiburg unter den Studentinnen und Studenten unruhig. Als die Straßenbahn ihre Fahrpreise erhöhte, wurden die Gleise besetzt, und in der Schule wollte man über die außerparlamentarische Opposition diskutieren. Marxistisches Gedankengut wurde in Schriften verbreitet, die irgendwo vervielfältigt worden waren. Der SDS (Sozialistische deutsche Studentenbund) verteilte vor dem Kepler-Gymnasium Flugblätter und lud darin zu aufklärenden Seminaren gegen die repressive bürgerliche Sexualerziehung ein. Mit der Kritik an der herrschenden CDU verband sich eine immer stärkere Kritik an den Kirchen. Ich kam in dieser Zeit zu der Überzeugung, daß der Religionsunterricht vor allem in den Oberstufen der Gymnasien sich auch diesen geistigen Auseinandersetzungen stellen müsse. Lehrpläne und Lehrbücher müßten dazu entwickelt werden, war die praktische Konsequenz.

Beginn religionspädagogischer Arbeit bei der Evangelischen Landeskirche in Baden

Auf diesem Hintergrund bat mich die Kirchenleitung der badischen Landeskirche, an Reformkonzeptionen für den Religionsunterricht zu arbeiten. Dafür wurde ich von der Arbeit in der Schule weitgehend freigestellt und schließlich zum 1. Januar 1970 als Leiter des katechetischen Amtes nach Karlsruhe versetzt.

Der Tod kommt in unsere Familie

Es war im August 1970. Die Sommerferien hatten begonnen. Meine Frau Lisel empfing mich am Bahnhof Freiburg mit Blumen, als ich vom letzten Arbeitstag aus Karlsruhe angekommen war. Wir wollten uns in Freiburg schöne Tage machen, in den Schwarzwald fahren, wandern und schwimmen. Die beiden älteren Kinder waren unterwegs, um ihre Sprachkenntnisse zu vertiefen: Christoph in Frankreich und Katharina in England.

Da wurde Lisel plötzlich krank, bekam starke Schmerzen in der Nierengegend und wurde von der Hausärztin in das Krankenhaus überwiesen. Die Untersuchungen waren noch nicht abgeschlossen, als sie während der Nacht eine schwere Gehirnblutung bekam. Sie starb noch am selben Tag, dem 12. August 1970, im Alter von 44 Jahren. Die Kinder waren inzwischen alle nach Hause gekommen, und unsere Familie erlebte diese Zeit wie einen schweren Traum ohne Ende. Wir beerdigten Lisel auf dem Friedhof in meiner Heimatstadt Sulzburg.

Die Ferien gingen trostlos zu Ende. Es war gut, daß meine Schwester Brigitte in Freiburg wohnte, daß es die Pflichten des Alltags gab und die Freundinnen und Freunde, die uns beistanden. Die Schule begann, und ich mußte wieder Tag für Tag zu meinem neuen Arbeitsplatz in Karlsruhe fahren. Wir fanden eine gute Frau, die halbtags den Haushalt betreute und dafür sorgte, daß die Kinder ein Mittagessen vorfanden, wenn sie aus der Schule kamen. So gelang es mühsam und mit vielen Irrungen, das "Schiff unserer Familie" einigermaßen auf Kurs zu halten. Aber dann kam neues Unheil: im Spätherbst wurde ich krank, und kurz vor Weihnachten mußte ich in die Klinik zu einer dringend notwendigen Gallenoperation. Erst Ende Januar 1971 konnte ich wieder entlassen werden - nicht nach Hause, sondern in ein Sanatorium. Ich weiß nicht, was meine Kinder alles mitgemacht haben, bis ich endlich im Frühjahr wieder heimkehren konnte.

Den Kolleginnen und Kollegen in Karlsruhe war ich sehr dankbar, daß sie die Reformarbeit für den Religionsunterricht engagiert fortgeführt hatten. Darüber berichte ich unter dem Stichwort Karlsruhe

Das Leben geht weiter

Wir hatten das große Glück, daß es eine Frau gab, die unserer so sehr verstörten Familie wieder eine Zukunft eröffnete. Es war Rosemarie Kaufmann aus Lahr. Ich hatte sie als Verlagslektorin kennengelernt und mit ihr zusammengearbeitet. Dabei entwickelten sich in der schweren Zeit neue Beziehungen. Wir gewannen einander lieb, und Rosemarie fand Zugang zu meinen Kindern. Nachdem wir im Herbst 1971 geheiratet hatten, zog Rosemarie zu uns in die Möslestraße nach Freiburg. Es war nicht einfach, unseren Alltag zu organisieren: Rosemarie mußte ihre Arbeit für den Kaufmann-Verlag in Lahr und ich für das Religiosnpädagogische Institut in Karlsruhe weiterführen. Das war einerseits beschwerlich wegen der langen Fahrten zu unseren Arbeitsplätzen, andererseits verschaffte es meinen Kindern Freiräume, daß sie die neue Frau an der Seite des Vaters nicht bedrückend in ihrer häuslichen Allgegenwart erleben mußten.

Rosemarie brachte ein großes Geschenk in unser Haus: das waren ihre Beziehungen nach England. Sie hatte dort Freundinnen und Freunde, die sie bei ökumenischen Begegnungen gemacht hatte. Vor allem aber war es Tante Mina, die Schwester ihres Vaters. Sie lebte in Saffron Walden bei Cambridge zusammen mit der Familie ihrer Tochter Constance. Was lag da näher, als für den nächsten Urlaub 1972 eine Reise nach England zu planen! Unser Ziel war Lee Abbey an der Nordküste von Devon. Dort haben Familien in einer herrlichen Landschaft die Möglichkeit, Ferien zu machen. Gastgeber war eine christliche "Community" junger Menschen, die ein großes landwirschaftliches Anwesen bewirtschafteten. Sie hatten eine ehemalige Privatschule zu einem Gästehaus hergerichtet, in dem etwa 90 Personen beherbergt werden konnten. Es lag mitten im Weideland über einer Steilküste. Ein Weg führte hinab in die Bucht. Nur wenn das Wetter sehr schlecht war, gingen wir nicht dorthin zum Schwimmen. Im Haus wurden Vorträge zu christlichen Themen angeboten, und abends gab es "Folkdancing".

Rosemarie und Klaus auf der Reise nach Schottland 1975

Bei unserer Reise nach Lee Abbey machten wir natürlich Station bei Tante Mina und Constance in Saffron Walden, und in London besuchten wir Rosemaries Freunde Joan und George. Christoph nahm nicht an unseren Englandreisen teil. Ihn zog es nach Frankreich.

Als unsere Kinder alle "urlaubsmündig" geworden waren, machten Rosemarie und ich mit Freunden eine große Reise durch Schottland. Wir hatten für drei Wochen eine Cottage in Knockie Lodge gemietet, einem einsamen Hotel am Loch Ness, und so hatten wir Gelegenheit, ergiebige Entdeckungsfahrten zu den Küsten im Norden und im Westen zu machen. Wir fanden sogar einen Park mit subtropischen Pflanzen und wurden bei unserm Spaziergang fotografiert. Wie man sieht, waren wir sehr guter Dinge.

Nach unserer Rückkehr ging die Zeit in Freiburg rasch zu Ende. Die Kinder machten sich nacheinander selbstständig, und wir bauten uns in Lahr ein Haus, damit unser Alltag etwas einfacher würde. Rosemarie konnte in Lahr nicht nur arbeiten, sondern auch wohnen, und auch ich hatte einen kürzeren Weg zum RPI in Karlsruhe.